>5 Tage im Juni< - „Die realistischste Darstellung, die es bis heute gibt“

>5 Tage im Juni< – „Die realistischste Darstellung, die es bis heute gibt“

Ein Interview mit Dieter Schiller

Der Roman „Tag X“ konnte in der DDR nicht erscheinen. Erst viel später kam es unter dem Titel „Fünf Tage im Juni“ in der BRD heraus. Der Literaturwissenschaftler Dieter Schiller ist unter anderem Autor von „Der verweigerte Dialog. Zum Verhältnis von Parteiführung der SED und Schriftstellern im Krisenjahr 1956“ und hat in der Schriftenreihe der Hellen Panke unter dem Titel „Ein Buch als Ärgernis“ die Debatte innerhalb der SED nachgezeichnet. Im Neuen Deutschland veröffentlichte er unlängst eine ausführliche Darstellung, wie der 17. Juni in der DDR-Literatur bearbeitet wurde.
Wir sprachen mit Dieter Schiller darüber, warum Heyms Roman umstritten war und ist.

Stefan Heyms Werk hat ja eine gelinde gesagt schwierige Veröffentlichungsgeschichte.

Als Heym sein Buch „Der Tag X“ schrieb, hielt er eine Veröffentlichung für möglich, obwohl er natürlich wusste, dass es Probleme geben würde. Dann wurde der Roman von einigen Gutachtern akzeptiert, positiv beurteilt. Im Zulassungsverfahren fuhr es sofort gegen die Wand. Als Heym dann 1960 selbst fünfzig Exemplare herstellen ließ und an unter anderem an Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, war die Reaktion völlig ablehnen. Da wurde gemauert. Insofern hatte das Buch nie eine Chance auf Veröffentlichung.

Also hat Heym seine Chancen falsch eingeschätzt?

Das kann man so nicht unbedingt sagen. Die Haltung zu den Ereignisse des 17. Juni hatte sich geändert. Die Einschätzung im Politbüro und im Zentralkomitee war im August und September eine andere als noch im Juli 1953. Stefan Heym ging davon aus, dass er mit seiner ursprünglichen Konzeption, die ja davon ausging, dass es eine starke Steuerung des Aufstands von Seiten der Bundesrepublik gegeben habe, glaubte er eigentlich seine Darstellung mit der offizieller Einschätzung in Übereinstimmung. Deshalb dachte er wohl, die kritischen Akzente zur inneren Entwicklung der DDR durchsetzen zu können. Insofern keine vollkommene Fehleinschätzung, allerdings legt er den Schwerpunkt auf der Frage der Arbeiterdemokratie. Insofern unterschied er sich immer von der Einschätzung der Partei.

Wie hatte sich die Haltung zum 17. Juni verändert?

Ursprünglich ging man davon aus, dass die Zuspitzung des Protests eine Folge von Maßnahmen wie der Normerhöhung und der starken Besteuerung der Mittelschichten war. Zunächst wurden diese inneren Aspekte als Zündstoff für die Unruhen akzeptiert; so stand es auch zunächst in den offiziellen Veröffentlichungen zum Thema. Erst mit einem Plenum im August kam die Wendung, nun war die Rede von einem „faschistischen Putsch“, später ein wenig realistischer von einem „konterrevolutionären Putsch“. Dadurch wurde die Bedeutung der eigenen Fehler immer mehr an den Rand gedrückt und später völlig marginalisiert.

Die Kritikfähigkeit der DDR-Führung hat also mit der Zeit abgenommen?

Wobei es so war, dass im Oktober noch eine große Veranstaltung mit Grotewohl und vielen Intellektuellen stattfand und Heym seine Position zum 17. Juni öffentlich vertreten konnte. Damals war es immerhin noch möglich, eine realistischere Sicht vorzutragen. Das ging später flöten.

„Der Spiegel“ sprach in einer Rezension einmal von einem „Tatsachenroman“. Wie hat Heym denn recherchiert?

Er hat viele Menschen befragt, sowohl aus Parteikreisen als auch oppositionellen Kreisen. Seine Hauptfigur hat auch ein reales Vorbilds. Insofern doch eine recht solide Faktenbasis.

Hat dieses Werk heute noch einen Wert, der über das Literarische hinausgeht?

Meine ganz persönliche Meinung: ich glaube schon, dass Heyms „Fünf Tage im Juni“ die realistischste Darstellung ist, die es bis heute gibt. Ich kenne nichts genaueres. Wobei natürlich der Aspekt der westlichen Einflussnahmen, Agententätigkeit und so weiter bei ihm noch eine Rolle spielt. Heym hat in der ursprünglichen Fassung noch sehr stark gemacht, dass die Sache vom Westen ausgelöst wurde. In seiner zweiten Fassung hat er diese Vorstellung aufgegeben und hat den spontanen Ausbruch der Unruhen betont, in denen dann natürlich auch Leute aus dem Westen eine Rolle spielten.

Das Buch hat ja nach wie vor eine gewisse „erinnerungspolitische“ Sprengkraft. Heute wird allerdings kritisiert, es stelle die DDR-Gesellschaft zu unkritisch dar.

Heym hat sich noch nicht als „Dissident“ begriffen, als er da Buch schrieb.