Ingo Schulze: Der Laudator und sein Mentor

Ingo Schulze: Der Laudator und sein Mentor

Laudatio von Herrn Ingo Schulze zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises am 10.04.2013 an Christoph Hein zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises am 10. April 2013 in Chemnitz

 

A: Eine Überschrift muss sein, wenigstens ein Arbeitstitel! Damit man weiß, worum es geht.
B: Ich dachte mir: »Was ist Wasser?«
A: Was ist Wasser? Was soll das denn?
B: Oder besser gleich das Zitat: »Was zum Teufel ist Wasser?«
A: Du meinst, weil niemand weiß, was damit gemeint ist, erhöht das die Aufmerksamkeit und Spannung? Und am Ende der Rede kommt die Auflösung?
B: Nein, die Geschichte wollte ich eigentlich gleich am Anfang erzählen.
A: Welche Geschichte denn?
B: Ich hab sie bei einem Kollegen gefunden: »Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«
A: Und wofür diese Geschichte?
B: Wenn ich als Leser und Schreiber erklären will, was Literatur soll, sind Geschichten besser als Begriffe.
A: Und begrifflich gesagt?
B: Es geht darum zu staunen. Es geht um die Distanz zum Selbstverständlichen, um die Distanz zu sich selbst, darum, sich selbst als Fremden zu sehen.
A: Auf eine Geschichte kann man nur mit einer Geschichte antworten. In einer Erzählung beschreibt Italo Svevo, wie sich ein Mädchen danach sehnt, mit dem Zug zu fahren. Als der Wunsch endlich in Erfüllung geht und sie am Zugfenster sitzt und hinaussieht, fängt sie an zu weinen und hört gar nicht mehr auf. Das Mädchen wird gefragt, warum sie denn weine, ausgerechnet jetzt, da doch gerade ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht. Das Mädchen schluchzt, blickt angestrengt hinaus und flüstert: Ich sehe den Zug gar nicht.
B: Und Du meinst…
A: Ohne Literatur bist Du entweder der, der den Zug sieht oder der, der aus dem Zug herausschaut. Mit der Literatur kannst Du Dich selbst im Zugfenster stehen sehen. Aber beginnt man so eine Laudatio? Was willst Du?
B: Ich will Christoph Hein loben und danken, ich will Stefan Heym loben und danken, ich will sagen, was mir ihre Bücher und ihre Person bedeuten, ich will sagen, dass beide sozusagen Anteil an meinem Leben haben.
A: Das willst Du so sagen?
B: Nein, ich werde versuchen, es schöner zu sagen.
A: Du solltest eher auf sie zu sprechen kommen. Am besten gleich mit einem Zitat.
B: »Der Knackpunkt bleibt, ob die Demokratie wichtiger ist als das Kapital und der Kapitalismus. Schon die Fragestellung ist unerwünscht.«
A: Wer sagt das?
B: Christoph Hein. Daraus ließe sich eine ganze Rede machen.

A: Du solltest mit dem Politischen nicht wie mit der berühmten Tür ins Haus fallen. Du brauchst mehr Kontext.
B: Das wäre doch Kontext, das ist doch die Selbstverständlichkeit, die die meisten gar nicht mehr spüren. Der Kapitalismus ist unser Wasser.
A: Bevor Du Dich mit dem Kapitalismus anlegst, solltest Du was Kritisches über den real existierenden Sozialismus gesagt haben. Zäume das Pferd nicht vom Schwanz auf. Wann hast Du den Namen Christoph Hein zum ersten Mal gehört?
B: Eine Kommilitonin, die den „Fremden Freund“ gelesen hatte, schwärmte mir davon vor, das muss 1983 oder 84 gewesen sein. Ich kannte den Namen nicht und fragte Heym? Nein, Hein! Sie erzählte Details aus dem Buch, kurze Szenen. Ich weiß noch, dass ich eigentlich nicht wirklich verstand, warum es ihr gefiel.
A: Hast Du damals die Provokation gespürt, die in „Fremder Freund“ lag?
B: Ja, aber zuerst über Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, dass die Erzählerin, die Ärztin, in der Zeitung nur die Kleinanzeigen liest. Die Stelle ist in meiner Ausgabe, 3. Auflage, mit Bleistift angestrichen. Diese Ärztin war mir aber damals nicht fremd und war es mir beim Wiederlesen erst recht nicht. Aber erst jetzt, vor ein paar Wochen begriff ich, wie hoch politisch sie mit ihrer so scheinbar apolitischen Haltung ist. Und auch wie menschenfreundlich. Und auch ein bisschen kitschig wahrscheinlich mit ihren Fotos, die sie niemanden zeigt.
A: Ich stelle mir bei Figuren wie ihr immer vor, wie sie sich 1989 verhalten hätte.
B: Sie hätte mitgemacht, zurückhaltend, anständig zu den alten Chefs, provozierend für einige Parvenüs.
A: Ich finde es regelrecht unheimlich, wie sich die Bedeutungen ändern. Beispielsweise die völlige Abwesenheit von einem ökonomischen Gedanken bei ihr, sowohl auf Arbeit wie im Persönlichen. Das damals provokative: Mir geht es gut. Wie hört es sich heute an? In gewisser Weise hätte jedes Buch, das in Ost und West erscheint, unterschiedliche Titel haben müssen. Denn dasselbe Buch wird ganz anders gelesen. Im Osten war die Haltung der Ärztin hoch politisch. Im Westen hat man das anders gelesen.
B: Ich fand die Ärztin immer plausibel. Sie ist doch diejenige, die niemandem auf den Geist geht, die sich rücksichtsvoll verhält, hilfsbereit, die sich zuwendet. Zu wem soll sie sich denn hingezogen fühlen, wenn die Welt so ist, wie sie sie beschreibt.
A: Ist die Welt so, wie beschrieben?
B: Es ist eine Ich-Erzählung, es ist ihr Blick. Da macht eine ganz selbstverständlich nicht mit. Man kann nicht mal sagen, sie sei kritisch gegen die ddr eingestellt, für sie scheint es die gar nicht mehr zu geben. Sie hat für bestimmte Wellenlängen keinen Empfang. Das war der Skandal. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier das offizielle übersehen wird. Und zugleich ist diese Ärztin durch und durch eine Ostfrau. Übrigens zeichenhaft, dass sie keinen Namen hat.
A: Stimmt nicht, sie hat einen: Claudia.
B: Komisch, aber man spricht immer nur von der „Ärztin“.
A: Man müsste auf jeden Fall etwas darüber sagen, dass Hein für jedes Buch einen eigenen Stil sucht. Ich wills nicht übertreiben, aber allein am Klang, an der Länge und dem Rhythmus der Sätze sollte es möglich sein, seine Bücher zu unterscheiden.
B: Als ich „Horns Ende“ las, fand ich dann sozusagen all die Figuren, die nicht in Claudias Gesichtkreis geraten.
A: „Horns Ende“ war für mich ein Aufbruch, in jeder Beziehung, auch literarisch.
B: 1985 erschienen, im selben Jahr, in dem Gorbatschow die Geschäfte übernahm.

A: Im selben Jahr wie Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“ und Günther de Bruyns „Neue Herrlichkeit“. Ich habe das damals wie eine literarische Phalanx empfunden, die uns Raum verschaffte zum Atmen, zum Sprechen, zum Erinnern.
B: Das waren die Schritte, hinter die es nicht mehr zurückging.
A: Ja, aber auch literarisch war es für mich das angemessene Buch dieser Zeit, weil es verschiedene Stimmen zu Wort kommen ließ, verschiedene Sichtweisen, die sich im Alltag ausgeschlossen hätten oder ausgeschlossen worden wären.
B: Das Buch war ein Muster für das, was 1989 passierte.
A: Und was dann abgebrochen wurde, vereinseitigt wurde.
B: In „Horns Ende“ waltet, wie in aller großen Literatur, die Gerechtigkeit. Und deshalb kommt auch ein Kruschkatz zu Wort, der von der Partei eingesetzte Bürgermeister, und Horn, der an der vormundschaftlichen Parteibürokratie zerbricht, ein Mann, mit dem ich ungern unter einem Dach gewohnt hätte.
A: Eigenartig auch, wie hier der Blick nach 89 das Buch eher stärker werden lässt, weil es nun von der unmittelbaren, das Literarische zurückdrängenden Inanspruchnahme seiner Zeit befreit ist. Es besteht als Muster, es funkelt heute dunkler, tiefer.
B: Darüber sollte ich sprechen, dass die Bücher von Hein und Heym nicht mit ihrer Entstehungszeit verwehen.
A: Ich habe die Probe auf die Spitze getrieben, statt mir noch mal den „Tangospieler“ vorzunehmen, den ich damals dankbar in mein 89er Kampfarsenal einreihte, griff ich zu „Schlötel oder Was solls“, Heins erstes Stück von 1974, das mit einem Scheibenschießen in GST-Uniform beginnt.
B: Klingt nicht gut.
A: Doch! Das klingt gut, weil ich den Griff in die hässlichste Ecke der DDR überzeugend fand.

B: Aber heute? Allein beim Gedanken an GST-Uniformen schüttelt es mich.
A: Heute lagern wir die Schießerei elegant in eine Berufsarmee aus, machen uns die Hände nicht mehr dreckig, die anderen werden ja bezahlt dafür, die machen ihren job, wir unseren.
B: Aber ums Schießen geht’s doch nicht im Schlötel?
A: Mich fasziniert der Anspruch, der dahinter steckt, der Anspruch auf nicht entfremdete Arbeit. Der war ja damals schon unheimlich. Man fand einen beruhigenden Begriff dafür, die „Vorgriff“-Literatur. Wer spricht denn heute noch von entfremdeter Arbeit? Ich würde den Schlötel gern wieder auf der Bühne sehen.
B: Weil dann die Nöte und Leiden des DDR-Arbeitsalltags in ihrer damaligen Selbstverständlichkeit erhellend wären im Vergleich zu heute?
A: Das könnte so manchen jungen Fisch zu der Frage veranlassen: Seltsames Wasser, damals.
B: Aber seltsam auch heute?
A: Ja, seltsames Wasser heute.
B: Christoph Hein ist ein Autor, den ich als Leser fast von Beginn an erlebt habe. Wenn ich nicht die erste Auflage hatte, dann die zweite oder dritte, aber ich denke, ich habe wohl jedes seiner Bücher gelesen. Die meisten gleich bei Erscheinen, den Prosaerstling „Einladung zum Lever Bouregois“, dessen Titelerzählung die ersten Stunden eines Tages des alten Racine beschreibt, Biografie und Gesellschaftsporträt auf zwanzig Seiten. Hier findet sich der Satz: »Vielleicht ist die Fähigkeit, ein Verbrechen verschweigen zu können, die Bedingung der menschlichen Rasse, in Gesellschaft zu leben.« Es gehört viel List und Können dazu, dass ein solcher Satz in der DDR in den Druck ging.
A: Und persönlich, verbindet Euch was?
B: Lesen ist immer persönlich, persönlicher kanns doch gar nicht werden.
A: Und als öffentliche Figur?
B: Es muß ein Wochenende Mitte, Ende Oktober 89 gewesen sein, nachmittags, abends, eine Übertragung von einer Art Anhörung, es ging um die Übergriffe der Polizei auf Demonstranten in den Wochen zuvor. Und da sprach ein Mann mit einer Stimme, die wie fürs Radio gemacht schien. Ich hatte Vertrauen zu der Stimme. Es gab ja in dem Sinne keine Anführer, denen man sich anschließen konnte, keine gewählten Repräsentanten. Aber diesen Mann wünschte ich mir als unseren Repräsentanten. Ich erinnere mich nicht mehr im Detail daran, was er sagte, er forderte völlige Offenheit, Aufklärung eines jeden Falles, aber er tat dies, als fordere eine Selbstverständlichkeit ein, so ruhig sprach er und ganz ohne Eifer oder gar Hass. Obwohl es nie derartige öffentliche Diskussionen gegeben hatte, war hier einer in der Lage zu reden, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und dann kam der Name, eben jener Hein, von dem ich zuletzt den „Tangospieler“ gelesen hatte – zwei oder drei Stunden nach dem Kauf hatte ich ihn ausgelesen. Als ich da vor dem Radio saß, ging in gewisser Weise ein Traum in Erfüllung: Der Schriftsteller als Revolutionär.
Zum ersten Mal sah ich jenen Hein im Fernsehen am 4. November 1989 als Redner. Der Berufsstand, der da zahlenmäßig offenbar am stärksten vertreten war, waren wohl die Schriftsteller. Hein, Heym, Müller, Wolf, kein schlechtes Aufgebot.
A: Willst Du jetzt weiter die Bücher durchgehen? Das wird ein bisschen lang, oder?
B: Ich weiß nicht, ob das die richtige Stelle hier ist, aber chronologisch gesehen sollte ich an dieser Stelle eine überfällige Abbitte leisten.
A: Du solltest nicht zu persönlich werden.
B: Nein, vielleicht betrifft sie Christoph Hein noch am wenigstens. Denn sein Napoleonspiel – das mich bei der ersten Lektüre ratlos zurück ließ – verkörpert auf radikale Art und Weise, wie in unseren Köpfen die Alternative abhanden kam. Dass ich es damals selbst nicht so lesen konnte, liegt daran, dass ich einer jener Fische war, die fragten: Was zum Teufel ist Wasser?
A: Du hattest eine Abbitte versprochen, jetzt will ich sie auch hören.
B: Das ist doch schon ihr Anfang: Auch mir, der noch Ende 89 von einer reformierten, menschenfreundlichen, also sozialistischen DDR geträumt hatte, der jetzt endlich die Chance sah, auf einen demokratischen Sozialismus, war durch den Beitritt und den ökonomischen Überlebenskampf jede Vorstellung von gesellschaftlicher Alternative abhanden gekommen.
A: Und das hieß?
B: Dass mich jene Schriftsteller, die das Bewusstsein dieses Verlustes wach hielten, nicht mehr interessierten. Ich habe sie Ende der Neunziger Jahre erst langsam wiederentdeckt. Und um so mehr bewundert.
A: Du hast also auf die, die für Dich am 4. November noch die Helden waren, bald herabgesehen wie auf Nostalgiker, die mit ihrem Bedeutungsverlust nicht klar kommen.
B: Nicht in einem persönlichen Sinne, sondern generell.
A: Ich denke, es gibt nichts Persönlicheres als Lesen?
B: Ich hatte keine Antennen mehr für die Gesellschaft. Letztlich interessierte mich nur noch mein eigenes Leben und Fortkommen, alle Zwänge waren Sachzwänge und ein jeder seines Glückes Schmied. Und besser als die Ostdeutschen hatte es kein Volk auf der ganzen weiten Welt.

A: Du hast die DDR-Terminologie schöpferisch verwendet: Bis 1989 gab es antagonistische Widersprüche, nach 89 nur noch nichtantagonistische Widersprüche.
B: Sehr gut!
A: Wenn es Schwierigkeiten in der Gegenwart gibt, so liegen deren Ursachen in den vierzig Jahren Misswirtschaft und Atheismus.
B: Sehr gut!
A: Verbote, Unterdrückung, Zensur sind Begriffe, die nur zur Beschreibung der Vergangenheit taugen, nach 89 gab es Freiheit, Freiheit, Freiheit.
B: Genau! Deshalb kann ich mich auch so gut in unseren Demokratieoberlehrer, in Herrn Gauck versetzen. Ich war zufrieden, eitel und dankbar.
A: War es wirklich so schlimm?
B: Ich fürchte, ja.
A: Aber als fast der ganze Bundestag 1994 seinen Alterspräsidenten Stefan Heym boykottierte, kein Applaus, kein sich von den Plätzen erheben, da warst Du doch fassungslos.
B: Ja, da wusste ich vor dem Fernseher, dass ich einer politischen und moralischen Bankerrot-Erklärung beiwohne. Wenn einen Tag vor der Rede die Gauck-Behörde verkündet, es gäbe belastendes Material gegen Stefan Heym, sich dieser Vorwurf aber schon bei der ersten Durchsicht wie nicht anders zu erwarten als unhaltbarer Unsinn herausstellt, der auch am Tag nach der Rede schon wieder zurückgenommen wird… ohne Entschuldigung! Eigentlich fehlen mir noch heute die Worte.
A: Sie haben ihm verübelt, dass er für die PDS ein Direktmandat im Prenzlauer Berg gewonnen hat!
B: Ich war als Bürger dieses Landes stolz, dass Stefan Heym dieses Parlament eröffnete, ein Demokrat, der in vier Systemen für die Demokratie, für Freiheit und Gleichheit gekämpft hatte, und der es sich nicht nehmen ließ, auch im fünften System, das er bewusst erlebte, für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen, ein Schriftsteller, ein Deutscher, ein Jude, „der Nestor unserer Bewegung“, wie er vom Moderator der Demonstration am 4. November genannt wurde, diesem Mann verweigerten die gewählten Volksvertreter den Respekt und verhöhnten ihn. Das war so schlimm, dass selbst ich es nicht ertrug.
A: Wenn man die Rede liest, denkst Du, sie ist heute gehalten: »Die Krise in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist ja nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende und dieses weltweit.«
B: Bitte mehr!
A: »Zwar hat die Mehrheit der davon betroffenen Völker sich von der hemmenden Last des Stalinismus und Poststalinismus befreit. Aber die Krise von der ich sprach, eine Krise nunmehr der gesamten Industriegesellschaft, tritt dadurch nur um so deutlicher in Erscheinung. Wie lange wird der Globus noch, der einzige den wir haben, sich die Art gefallen lassen wie diese Menschheit ihre tausenderlei Güter produziert und konsumiert? Und wie lange wird die Menschheit die Art gefallen lassen wie diese Güter verteilt werden.«
B: Bitte mehr!
A: »Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir Sie. Und nicht die Flüchtlinge die zu uns drängen sind unsere Feinde, sondern die die sie in die Flucht treiben.«
B: Es fällt schwer, nicht immer mehr zu zitieren.
A: Sein Hinweis darauf, dass die Ostler sich die Rechte und Freiheiten selbst erkämpft haben, und dass diejenigen, »die die Waffen zur Erhaltung des ungeliebten Systems besaßen«, »zurückhaltend genug (waren), auf deren Anwendung zu verzichten« – solche Differenzierungen wollte man nicht hören.
B: Und erst recht nicht gemahnt werden: »Unterschätzen Sie doch bitte nicht ein Menschenleben, indem trotz aller Beschränkungen das Geld nicht das all entscheidende war. Der Arbeitsplatz ein Anrecht von Mann und Frau gleichermaßen.«
In einem Spiegel-Artikel vom 14. November 1994 schreibt Jürgen Leinemann: „Für die Union aber ist es nicht verzeihlich, daß Stefan Heym für die PDS antritt. Daß sie ihn in kollektiver Disziplin ertragen haben, ohne hinauszugehen, betrachtet die CDU-Ministerin Angela Merkel als eine beachtliche Konzession. „Damit hat die Union ihre Großmut zur Schau gestellt“, sagt die Frau, die einst als DDR-Bürgerin die Bücher Stefan Heyms „mit Begeisterung“ gelesen hat. „Mehr war nicht drin.“
B: Hat sie sich je dafür entschuldigt?
A: Wo denkst Du hin!
B: –
A: Was ist?
B: Nichts.
A: Nun sag!
B: Ich denke an die Passage in seinem Erinnerungsbuch „Nachruf“, wenn er über Familienangehörige spricht und in Klammern steht dann immer: emigriert, vergast, vergast, emigriert.
A: Gegen die Großmut von Kohl und die Großmut von Merkel kannst Du nichts machen, sie ist einfach unfassbar groß diese Großmut.
B: Du meinst, diese Großmut lässt sich nicht erweichen?
A: Doch, aber nur zur rechten Zeit am rechten Ort bei den richtigen Leuten. Aber wir haben uns verirrt. Das ist nichts für eine Laudatio. Was hast Du denn sonst noch auf der Pfanne?
B: Auf jeden Fall muss darüber gesprochen werden, dass Heym und Hein zu jenen gehören, die in verschiedenen Systemen den Mund aufmachten, die sich nicht als Sieger eingerichtet haben, obwohl sie auf genug Meriten verweisen könnten.
A: Und wo sind die Bürgerrechtler, die heute immer noch ihren Mund aufmachen? Die nicht das Attribut: ehemalig brauchen?
B: Diejenigen, die immer wieder eine grundsätzliche Differenz zum Status Quo markieren, lassen sich leicht zählen.
A: Der Kampf um die Gegenwart ist zugleich auch ein Kampf um die Vergangenheit. Dazu vielleicht ein kurzer Exkurs?
B: Meines Wissens gibt es in Deutscher Sprache in den letzten Jahrzehnten kein Buch, das dies besser beschreibt, als Stefan Heyms „Der König David Bericht“.
A: Darin geht es um die Ausarbeitung des Einen und Einzigen wahren und Autoritativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Berichts über den Erstaunlichen Aufstieg, das Gottesfürchtige Leben, sowie die Heroischen Taten und Wunderbaren Leistungen des David ben Jesse, Königs von Juda während Sieben und beider Juda und Israel während Dreiunddreißig Jahren, des Erwählten GOttes und Vaters von König Salomo.
B: Es geht darum, aus Geschichten die eine Geschichte zu machen, die Salomo, der amtierende König, nötiger braucht als Geld und Waffen und Brot.
A: Der Bericht soll Eine Wahrheit aufstellen, und dadurch Allem Widerspruch und Streit ein Ende setzen, Allen Unglauben an die Erwählung Davids ben Jesse durch unseren HErrn Jahweh beseitigen, sowie Allen Zweifel an den Glorreichen Verheißungen ausmerzen, welche unser HErr Jahweh betreffs Davids Samen und Nachkommenschaft gemacht.
B: Der Geschichte aber stehen die Geschichten entgegen, die Ethan, der Sohne des Hoshaja, aus der Stadt Esrah gesammelt hat.
A: Als Ethan dafür zum Tode verurteilt werden soll, zieht er einen Psalm auf König David aus seinem Gewand und trägt ihn vor. Der weise König Salomo schenkt ihm das Leben, verurteilt ihn aber dazu, zu Tode geschwiegen zu werden, »keines seiner Worte soll das Ohr des Volkes erreichen«, »auf dass sein Name vergessen sei, so als wäre er nie geboren«.
B: „Aber der Psalm, welchen er uns vorlas, Zum Preis de HErrn, und zum Lobe Davids, und welcher im Geist und in der Art all jener verfaßt ist, die wie die niedrigsten Bediensteten schreiben, seicht und voller Plattheiten und bar jeder Gestaltungskraft, dieser Psalm soll seinen Namen tragen und bewahrt werden für alle Zeiten.«
A: Die perfide Rache der Mächtigen.
B: Aber Salomo hat die Solidarität der Schreibenden unterschätzt.
A: Stefan Heym, ein später Nachfahre des Ethan, hat der Geschichte wieder die Geschichten abgewonnen. Und er knüpft dort an, wo Brecht mit seinen »Geschäften des Herrn Julius Cäsar« aufgehört hat.
B: War 1972 die biblische Welt eher die Folie für stalinistische Praktiken der Geschichtsschreibung, so ist das heute eine Assoziation unter anderen. Ja es scheint, als habe sich das Verhältnis umgekehrt. Der einst halbwegs „neutrale“ Stoff hat durch den Einfluß ultraorthodoxer Juden auf die Geschicke der israelischen Politik eine Brisanz gewonnen, die jede andere Assoziation zurückdrängt. Die literarisch-historische Erdung der gar nicht so heiligen biblischen Geschichte wird zum Sakrileg – und bleibt zugleich ein Muster, wie Geschichte befragt und anders, nämlich in Geschichten, erzählt werden kann.
A: Der Glauben hat immer nur eine Sicht. Die Literatur aber distanziert dich von dir selbst, sie sieht dich am Zugfenster stehen. Die Frage ist, wie schafft sie das. Oder anders gefragt:
Wie findet die Literatur zu jener Brisanz, die sie nicht im kommerziellen Rahmen auf- und untergehen lässt?
B: Du musst kommerziell erfolgreich sein, um gelesen zu werden. Aber das Geschriebene muss zugleich diesen Rahmen sprengen.
Es muss so deutlich wie möglich die Frage stellen: Wie ist das Wasser?
A: Aber ist es denn sinnvoll, nach Schreib-Strategien zu suchen? Kann man da überhaupt Regeln aufstellen? Ist es nicht besser, als Leser zu sagen: Mit dem Roman setze ich mich ans Zugfenster und genieße den Blick in die Landschaft und den Blick ins Buch, der ein Blick auf den Zug ist? Oder: In diesem Roman habe ich das Wasser in all seiner Öligkeit zwischen den Kiemen gespürt.
B: Rezepte sind sinnlos. Aber Heym wie Hein, so scheint mir, proben mit jedem neuen Buch auch eine andere Strategie aus. Die Bücher sind sehr verschieden voneinander. Bei Christoph Hein ergeben sich die Gemeinsamkeiten eher durch entfernte Beziehungen, als gebe es Buchpaare wie »Horns Ende« und »Landnahme« oder »Fremder Freund« und »Frau Paula Trousseau«, oder »Der Tangospieler« und »In seiner frühen Kindheit ein Garten«, oder »Willenbrock« und »Weiskerns Nachlass«. Gerade bei jenen Büchern, die in der unmittelbaren Gegenwart spielen, ist der Effekt, den eigenen Zug zu sehen für mich am größten.
A: Es geht darum, sich der eigenen Standardeinstellung bewusst zu werden. Sucht man nach Gradmessern für die Qualität von Literatur, dann wäre einer davon in der Fähigkeit zu sehen, Distanz zur Standardeinstellung, Distanz zum Selbstverständlichen zu erzeugen. Um besser zu verstehen, was ich meine, solltest Du „Frau Paula Trousseau“ lesen.
B: Und wer eine gegenwärtige Wasserqualitätsbeschreibung will, sollte »Weiskerns Nachlass« lesen.
A: Da macht das Unglück immer kurz vor der Katastrophe halt. Es bleibt jeweils „gerade noch“ zu bewältigen. Aber weil es eben immer „gerade noch“ abgewendet werden kann, versteht man, wie dünn das Eis ist, auf dem sich unser Alltag abspielt. Fehlte plötzlich die eine helfende Hand, fehlte das zufällige Glück, wehe, wehe!
B: Jede der Figuren führt in eine andere Welt, man könnte daraus eine ganze Fernsehserie entwickeln.
A: Das wirst Du hoffentlich nicht machen. Hast Du denn wenigstens einen Schluß?
B: Einen Schluß nicht, aber ich wollte unbedingt noch eine Christoph Hein Geschichte erzählen.
A: Nach der Abbitte der Dank?
B: Ja, in gewisser Weise. Der vormalige Kanzler Schröder hatte – aus welchen Gründen auch immer – im Dezember des Jahres 2000 fünf ostdeutsche Schreiber zu einem Essen gebeten. Die Auswahl traf in alphabetischer Reihenfolger: Brussig, Hein, Hilbig, Maron und Schulze. Ein Kollege, der, weil ihm die Krankenkasse lebensnotwendige Behandlung nicht mehr bezahlen wollte, tatsächlich tödlich bedroht war, hatte mir ein Schreiben an Schröder übergeben. Und so hatte ich ein konkretes Anliegen. Da es keine Tischordnung gab und sich der Kollege Hein gleich an das eine Ende der Tafel verzog und ich ihm dorthin folgte, der Kanzler aber in der Mitte Platz nahm, kam es zu keinem wirklichen Gespräch mit dem Kanzler. Und jeder Moment, mit meinem Anliegen herauszurücken, schien mir gleich unangemessen. Als sich nun aber der Kanzler zu verabschieden drohte und – gesagt getan – auch aufstand, raunzte mir Kollege Hein zu:
A: „Los, jetzt!“
B: Normalerweise hätte das geheißen:
A: „Junge, lauf, versuch Dein Glück!«
B: In diesem Fall aber rannte ich auf der einen Seite des Tisches entlang, Kollege Hein auf der anderen. An der Tür stellten wir gemeinsam, sozusagen in einer Art Zangenbewegung, den Kanzler, der vor der ihn verfolgenden Übermacht erstarrte. Sichtlich erschrocken fragte er:
A: Eine Schriftstellerpetition?
B: Kollege Hein antwortete in unser beider Namen, hieß mich dann mein Anliegen vortragen, der Kanzler beruhigte sich und versprach Hilfe – und die erfolgte dann auch tatsächlich.
A: Aber wie gut, dass es Kollegen gibt, die bereit sind, für einen auch unaufgefordert um den Tisch zu rennen.
B: Den Schluß sollte ich vielleicht dem Hundertjährigen widmen? Meinst Du, das geht an?
A: Wenn er gut ist, Dein Schluß.
B: Manchmal hat man den Eindruck, es gäbe einen Kollegenhimmel, und aus dem gibt es dann mitunter Zeichen, Ratschläge, Schreibstrategien.
A: Klingt irgendwie mystisch.
B: Nein, mitunter aber ist die eigene Bibliothek und die Aufgabe, eine Laudatio zu schreiben, hilfreich.
A: Also los!
B: Ende Februar erhielt ich über meinen Verlag das Angebot, bis zum übernächsten Tag einen Text für die Wirtschaftsseiten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu schreiben, und zwar für die Rubrik „pro & contra“. Die Redakteurin erläuterte:
A: „Hasso Plattner, Mitgründer von SAP, will die Hälfte seines Vermögens von 5,4 Milliarden Euro stiften (wofür genau ist noch nicht ganz klar, auf jeden Fall für wohltätige Zwecke, was ja sehr viel sein kann). Jetzt würden wir gerne ein Pro & Contra zur Frage machen, ob das eine gute Sache ist. Wir würden vermuten, dass Herr Schulze eher auf der Contra-Seite ist und so argumentiert, dass der Staat sich um Wohltätiges kümmern sollte und Herrn Plattner dann im Zweifelsfall höher besteuert werden sollte. Wir würden ihn gerne dafür gewinnen, das Contra für uns zu schreiben.“
B: Ich sagte ab, ich wollte nicht den Contrakasper spielen. Die Redaktion blieb hartnäckig.
A: Die Argumente hat er doch im Kopf, der Text ist nicht lang und er wäre mit Foto in der Zeitung.
B: Ich blieb standhaft, der Verlag sagte erneut ab. Statt sinnlose Contras zu schreiben, widmete ich mich lieber meinem Lesepensum für die Laudatio: da ein Stapel Christoph Hein, da ein Stapel Stefan Heym. Ganz oben lag auf dem Heym-Stapel lag »Die Schmähschrift oder Königin gegen Defoe«, eine Erstauflage von 1978, Buchverlag der Morgen, wunderbar gestaltet von Horst Hussel, wegen des vielen Verborgens etwas ramponiert, aber ich habe es mir immer wiedergeholt. Es ist einfach zu schön. Ich blätterte, las, las weiter und rief den Verlag an, ob ich nicht doch das Contra schreiben dürfte? Kurz darauf kam die Antwort: Ja, schreib!
A: Und er schrieb 4505 Zeichen gegen den potentiellen Spender:
Was das für ein Wahnsinn sei, was tut denn dieser Mann, sieht er nicht die Konsequenzen! Etwas Schlimmeres, schimpfte er, hätte uns nicht widerfahren können. Das Plattner Geld liege ja nicht herum, das sei investiert und »gibt es denn einen größeren Dienst an der Allgemeinheit als zu investieren?“, fragte er.
B: Auch spekulieren bedeutet doch investieren! Ich zog über Plattners Verteidiger her, die sagten: Solange es keine gerechteren Gesetze gäbe, bleibe ihm ja nichts anderes übrig als zu spenden. Und ich schüttete Hohn und Spott über jene aus, die sagten, es sei gut, dass er spende, bevor jemand auf die Idee kommt, die Gesetze zu ändern.
A: Und dann schrieb er darüber, wie sehr so eine Spende ihn als Leistungsträger demotiviert.
B: Wenn ich mich mit einer Milliarde genauso gut fühle wie mit drei Milliarden oder mit sechs Milliarden, was soll dann die ganze Schufterei? Dann könne ich ja gleich jeden Durchschnittsheini meiner Firma am Gewinn beteiligen kann. Und den Stundenlohn der Reinigungskräfte hebe ich auch noch um drei Euro an und stelle sie fest ein und packe ihnen eine Betriebsrente oben drauf – ich dachte, das hätten wir hinter uns!

A: Wie soll ich denn höchste Effizienz und maximalen Einsatz in allen Bereichen bei Senkung der Personalkosten verlangen, um dann – „Ja, wofür denn?“ Damit ich Milliarden verschenke? Wer den persönlichen Gewinn nicht in Ehren hält, öffnet sozialistischen Methoden Tür und Tor!
B: Und dann warnte ich Hasso Plattner ganz persönlich, man werde ihm Selbstzweifel unterstellen, schlimmer: Ein schlechtes Gewissen. Man werde die Rechnung aufmachen: Wie viele Menschen mit diesem Geld vor dem Hungertod, vor dem Verdursten, vor Malaria, vor Aids, vor was weiß ich was gerettet werden könnten.
A: Und dann werde man weiterfragen: Warum erst jetzt, und warum nur die Hälfte des Vermögens? Zum Schluß riet er ihm, wenn er partu spenden wolle, dann zu niemandem ein Wort!
B: „Übernehmen Sie klammheimlich die Mehrkosten von Stuttgart 21 oder einen Teil davon. So käme das Geld lautlos aus der Welt und zurück in die Wirtschaft und störte nicht weiter. Bitte, überlegen Sie es sich noch einmal!“
A: Vereinbarungsgemäß schickte er den Text morgens ab, 16.00 Uhr rief dann die Redakteurin an.
B: Ob ich meinen Artikel nicht umschreiben könne, so sei er sicherlich für viele Leser missverständlich. Ich sagte, ich könne ihn nicht umschreiben. Wir vertagten uns.
A: Sie wechselten emails. Sie vertagten sich auf den Sonnabend. Am Sonnabend kam dann die Absage.
B: Die Redakteurin schrieb, mein Text sei schlicht und einfach für ihre Leser zu kompliziert, ich hole sie nicht da ab, wo sie stehen.
A: Ich bin überzeugt, Du hättest in dem Artikel alles aussprechen können, was Du gewollt hättest. Ein nicht zu unterschätzendes Privileg!
B: Dafür gibt es ja dieses Format.
A: Aber Du mußt Dich an die Spielregeln halten, an das Format.

B: Innerhalb des Formats ist (fast) alles möglich.
A: Im Kabarett darfst Du ätzen, im Feuilleton spielen, aber ein Contra auf den Wirtschaftsseiten – da musst Du den zuvor berechneten Spielraum füllen. Was aber hat das nun mit Heym zu tun?
B: Stefan Heym läßt Daniel Defoe eine Schmähschrift verfassen, die sich in Geist, Wort und Tonfall nicht von jenen Hetzpredigten unterscheidet, die von Anhängern der Königin gegen die Abweichler vom wahren anglikanischen Glauben gehalten werden. Defoe hat nicht mal übertrieben, nur deren Logik zu Ende gedacht.
A: Und derjenige, der Defoe suchen soll, ist sich zuerst unsicher, ob Defoe belobigt oder bestraft werden soll. Er soll bestraft werden, und man will ihn an den Pranger stellen und dort mit Ziegelsteinen bewerfen.
B: Woran Du siehst, dass die Zeiten eindeutig besser geworden sind.
A: Damit solltest Du schließen.
B: Ist das nicht zu unliterarisch.
A: Dann mach was draus!