Nachlese

Es war nicht anders zu erwarten: Zum gestrigen hundertsten Geburtstag brachten viele Tageszeitungen Artikel, die sich auch darum drehen, was von Stefans Heyms literarischem und politischem Werk bleiben wird. Aus der Textflut ragen zwei Beiträge heraus.

Da wären zum einen die zwei instruktiven Erinnerungen von Marko Martin, seit langem Autor der Welt. Selbst in der DDR aufgewachsen vermittelt Martin einen Eindruck davon, was Heym für viele junge ostdeutsche Oppositionelle bedeutete. Mit seiner unerschrockenen Haltung war er ihnen ein Vorbild. Ihre Bewunderung konnte aber durchaus auch umschlagen in Enttäuschung, denn Stefan Heym weigerte sich auch als „Dissident“, die ihm zugedachte Rolle zu spielen. Gegen ihre Heroisierung seiner Person wehrte er sich.

Das Jahr 1988, und ein von der Stasi bedrängter sächsischer Provinzjunge saß ehrfürchtig in dieser Ostberliner Schriftsteller-Wohnung in Grünau, während der vermeintliche Dissident, dessen ZDF-Interviews in „Kennzeichen D“ man doch so bewundert hatte, eher Unwirsches von sich gab: „Weggehen in den Westen ändert gar nichts, junger Freund. Auch kann ich Ihnen keine Bücher mitgeben, Ihre zehn D-Mark da reichen ja nicht mal für ein Fischer Taschenbuch.“
Die immense Enttäuschung (ostdeutsche Bürgerrechtler wie Stephan Krawczyk oder Freya Klier hatten sie zuvor noch ungleich stärker erfahren) aber fand keine Zeit, sich auszubreiten, denn in einem Buch-Antiquariat im damaligen Karl-Marx-Stadt fand sich ja dann zufällig dies: „Kreuzfahrer von heute“ und „König David Bericht“, Heyms wohl beste Romane.
Das aus der Perspektive eines Antinazi-Emigranten und freiwilligen US-Soldaten geschriebene Weltkriegs-Epos und dazu jenes verschlüsselte Selbstporträt als Ethan, der „tapferfeige Intellektuelle“ (Wolf Biermann) am biblischen Herrscherhof König Salomos. Wer in der miefigen DDR hätte etwas derart Packendes schreiben können, wenn nicht der jüdische Sozialist Stefan Heym, der dazu in New York gelernt hatte, was ein plot ist?
Damit war ein erneuter Dankbrief fällig, der schließlich mit einem Exemplar von „Ahasver“, dem dritten großen Sinnsucher-Roman, beantwortet wurde und jenen Briefzeilen, die vermutlich weiser waren als ihr Verfasser, der sich dann nach 1989 als „Nestor der Revolution“ feiern und ausgerechnet für die PDS in den Bundestag bugsieren ließ: „Im übrigen sollten Sie nicht ganz so schwärmerisch sein: solch herrliche Gestalten sind die Schriftsteller nicht, und bin auch ich nicht.“

Auch Martin Zingg stellt „Der König David Bericht“ in den Mittelpunkt seiner Würdigung in der Neuen Zürcher Zeitung, die – ganz untypisch! – nicht mit dem politischen Wirken, sondern dem literarischen Schaffen beginnt.

Heym war, wie sein Freund Günter Kunert in einem Nachruf 2001 schrieb, «ästhetisch dem 19. Jahrhundert verpflichtet» – sein Leben und sein Werk stehen auf beinahe exemplarische Weise für das 20. Jahrhundert.

Was wird bleiben von Stefan Heym? Seit den wohlmeinend-vernichtenden Kritiken des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki in den 1970er und 1980er Jahren gilt vielen als ausgemacht, dass Heyms Renommee auf seiner persönlichen Integrität beruht, nicht auf der literarischen Qualität seiner Werke. In diesem Zusammenhang ist eine kleine Beobachtung im Zschopauer Lokalteil der sächsischen Freien Presse sehr interessant:

In der Stadtbibliothek Zschopau werden Bücher Heyms regelmäßig ausgeliehen, der Roman „Schwarzenberg“ werde wegen seines regionalen Bezuges besonders oft gewählt. „Heym wird durch die Bank von allen Altersklassen gelesen. Er ist nach wie vor aktuell, ein klassischer Renner. Das hätte ich so nicht vermutet“, war Leiterin Silke Dost nach einem Blick in die Ausleihstatistik überrascht.

Wieder einmal könnten die Leser eigensinnig anderer Meinung als die Kritiker sein.