Ein „wandernder Jude“ - Stefan Heyms humanistischer Sozialismus

Ein „wandernder Jude“ – Stefan Heyms humanistischer Sozialismus

Von Axel Fair-Schulz

Zuerst erschienen auf Amerikanisch in Logos

dirphoto.pl Als ich Stefan Heym während einer Lesung seines jüngsten Romans endlich persönlich kennen lernte, traf ich auf einen 80jährigen Mann, der gleichzeitig gebrechlich und kraftvoll war. An diesem schönen und sonnigen Nachmittag im Mai 2000 stellte er sich seinem Publikum im Potsdamer Theater vor, indem er sich bei seinen Zuhörern für ihr Kommen bedankte, „an so einem schönen Frühlingstag, obwohl ich gar kein Schön Wetter – Autor bin“. Wer Heyms Schriften kennt, weiß, dass diese Bemerkung kein leeres Gerede war, sondern tatsächlich sein Wesen charakterisiert, als Schriftsteller, Intellektueller und Moralist im besten Sinn des Wortes, der sich weigerte, in einfache Kategorien gesteckt zu werden.

Bis zu seinem Lebensende blieb Heym ein viel geprüfter Optimist, der an der Hoffnung festhielt, dass Vernunft und Gerechtigkeit einmal über Tyrannei, Aberglauben und selbstzerstörerischen Konsumismus siegen würden. Als Heym aus dem Vorhang hervortrat und über die Bühne ging, sah man ihm jedes einzelne seiner 87 Lebensjahre an. Aber sobald er sich setzte und begann, aus seinem Roman „Die Architekten“ zu lesen, war alles verwandelt. Für anderthalb Stunden las er vor, mit lebhafter Stimme, die sowohl seine Erfahrungen und seinen Witz, als auch seine kosmopolitischen Perspektive vermittelte – denn hier war ein Mann, der das 20. Jahrhundert buchstäblich überlebt hatte. Durch die Politik viele Male entwurzelt wurde er zu einem Weltbürger. Das verschaffte Heym eine ganz eigene Perspektive, die ihm eine kritische Distanz aufzwang, auch zu den Orten, an denen er sich zuhause fühlte.

Als Heym 1913 geboren wurde, war Deutschland immer noch ein Kaiserreich. Er sah den Aufstieg und Fall vieler verschiedener Regierungsformen, von der Weimarer Republik zu Nazi-Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik bis zur heutigen Bundesrepublik. Heym kam noch vor dem 1. Weltkrieg zur Welt und hatte als politischer Flüchtling in verschiedenen Ländern die bittere Frucht des Exils gekostet. In den Vereinigten Staaten wurde Heym zu einem amerikanischen Autor und hielt weiterhin fest an seiner Hoffnung auf eine gerechtere und wahrhaft demokratische Zukunft, an seinem Traum einer nach-kapitalistischen Gesellschaft.

Heym wurde Opfer der Kommunistenhatz unter McCarthy und des Stalinismus. Der Einfluss des Marxismus und Sozialismus machte ihn zu keiner Zeit zu einem blind Gläubigen.
Diese Unabhängigkeit betonte er, indem er sich trotz erheblichen Drucks weigerte, einer politischen Partei beizutreten. Daher lässt sich Heym nicht mit nahtlosen Kategorien oder eindeutigen Kennzeichen beschreiben. Der Nachruf auf Heym in der New York Times tat aber dennoch genau das und presste diesen vielschichtigten deutsch-jüdischen Sozialisten und Humanisten vereinfachend in die Schublade eines „marxistisch-leninistischen Romanautors“, der „die Ostdeutschen dafür geißelte, dass sie gegen ihre sowjetischen Herren aufbegehrten“. Während der ereignisreichen letzten Monate des ostdeutschen Regimes 1989/90 „sprach Heym sarkastisch über seine Landsleute als >eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef<“.

Es bleibt rätselhaft, wie der Autor David Binder, ein langjähriger und erfahrener Deutschland-Korrespondent, Stefan Heym so missverstehen und missverständlich charakterisieren konnte. Obwohl er einige der bekanntesten Romane und Essays Heyms erwähnte, die eindeutig gegen den diktatorischen Charakter des „sozialistischen Systems“ sowjetischer Prägung gerichtet waren, entging Binder, was Heym für die unzähligen Leser beiderseits des Eisernen Vorhangs bedeutete. Für Binder war Heym bestenfalls ein ehemaligen stalinistischer kommunistischer Träumer, der an seiner sozialistischen Selbsttäuschung festhielt, obwohl sie in der Wirklichkeit katastrophal versagt hatte. Indem er Heym als „Marxisten-Leninisten“ darstellte, verniedlichte und bagatellisierte er die wiederholten und systematischen Kampagnen der ostdeutschen Partei und Behörden gegen Heym – einen tief überzeugten Sozialisten, der stur seine Unabhängigkeit gegenüber der Parteilinie verteidigte. Damit soll Heym, der nicht frei von Fehlern und Fehlurteilen war, nicht zum Helden erklärt werden. Aber Heym bewies zeit seines langen Lebens bemerkenswerten Mut, widerstand sowohl dem Nationalsozialismus wie dem Stalinismus. Er war mit Verhältnissen und Entscheidungen konfrontiert, die sich in der eigenen Erfahrung ganz anders ausnehmen als aus sicherer journalistischer Distanz. Immerhin weigerte sich Heym, der als Jude und Sozialist in der Nazi-Zeit in Lebensgefahr geschwebt hatte, die Rolle zu spielen, die ihm zugedacht war: im Amerika McCarthys, in der ostdeutschen marxistisch-leninistischen Diktatur und nach dem kapitalistischen Triumph nach dem „Ende“ des Kalten Krieges. Die Unfähigkeit, Heyms ausgeprägte Unabhängigkeit zu begreifen, weist auf einen merkwürdigen und weit verbreiteten blinden Fleck unter Liberalen hin.

Selbst bekannte Autoren wie Tony Judt, der allgemein zu den gewissenhaftesten und intelligentesten liberalen Akademikern der letzten beiden Jahrzehnte gezählt wird, wurden Opfer einer Reihe von allzu bequemen Vereinfachungen. Obwohl ihm die Gefahren eines kapitalistischen Siegestaumels nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur zu bewusst ist (und obwohl er um die destruktive und selbstzerstörerische wirtschaftliche und soziokulturelle Ungleichheit in westlichen Gesellschaften weiß), spricht Judt dem Marxismus jedes Potential ab, eine zunehmned sprachlos machende Welt zu erklären. Verwundert fragt er sich, warum Marxisten den Zusammenhang nicht erkennen können zwischen ihrer allumfassenden totalisierenden Gesellschaftstheorie und dem allumfassenden totalitären Wesen der Gesellschaften, die von marxistisch inspirierten Kräften aufgebaut wurden. So zeigt sich Judts eigenes Vorurteil dessen, was ein Marxist ist: jemand, der alle anderen Ansätze kategorisch ausschließt, ein marxistisches Allheilmittel. Zugegebenermaßen gab es eine Reihe von selbsternannten Marxisten, die unter diese Definition fallen. Aber Judt entspricht den totalitären Tendenzen seiner marxistischen Gegner auf merkwürdige Art selbst, wenn er das zur einzig denkbaren Bedeutung erklärt. Die Frage, wer die Ausdrücke „Marxismus“ und „Marxist“ wie definiert, ist zurecht umstritten. Ironischerweise entspricht die Selbstgefälligkeit der Mainstream-Liberalen der Selbstgefälligkeit dogmatischer Parteimarxisten – beide verwechseln ihre Karikatur mit dem wirklichen Marxismus.

Der slowenische Kulturkritiker und Philosoph Slavoj Žižek bemerkte, dass viele, die die Naivität der Vorstellung von Francis Fukuyama belächeln, die Geschichte sei an ihr Ende gekommen, seine Behauptungen dennoch unbewusst vollständig übernommen haben. Fukuyama argumentierte, dass mit dem Ende des sowjetischen Experiments der unabweisbare globale Sieg jener Mischung aus liberaler Demokratie und Kapitalismus gekommen sei, die in den vergangenen Jahrzehnten die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten charakterisiert hat. Daher sei die Geschichte im üblichen Sinn an ihr Ende gekommen, insofern die geistige Entwicklung der Menschheit ihre höchste Stufe erreicht habe – mit der Vorherrschaft des amerikanischen Kapitalismus. Die Implosion Ostdeutschlands und die anschließende Integration in die Bundesrepublik scheint für viele Beobachter – zum Beispiel auch für David Binder – zu bedeuten, dass ausnahmslos alle Alternativen zu Konsumismus und Konzernkapitalismus hoffnungslos veraltet sind, ohne Beziehung zu den Bedürfnissen der Menschen und den tatsächlichen Möglichkeiten.

Heyms sture Ablehnung der kapitalistischen Konsumgesellschaft ruft daher eine verallgemeinernde Verachtung hervor. Aber im letzten Jahrzehnt hat sich einiges geändert. Durch den wirtschaftlichen Beinahe-Zusammenbruch sind verschiedene alte Gewissheiten und der kapitalistische Triumphalismus enthüllt worden. Sie befinden sich nun in einem Zustand rascher Auflösung. Die strukturellen Dilemmata des Neoliberalismus sind heute sichtbarer geworden, nicht nur für „ewig gestrige Marxisten“.
Unsere gegenwärtige historische Situation bietet die Chance zu einer kritischen und tiefgehenden Neubetrachtung von Stefan Heym und dem ihm eigenen Amalgam aus Skeptizismus und Utopie. Sein Leben und Werk macht deutlich: auch wenn das Ziel eines sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftssystems vielleicht wie ein Wunschtraum wirkt (im Sinne von „utopisch“ und unrealistisch), so weiter zu machen wie bisher beruht auf einem noch größeren Ausmaß an Wunschdenken.

Der ziemlich feindselige und abwertende Nachruf auf Stefan Heym in der New York Times ist umso bemerkenswerter, als dieser einer der wesentlichen Bezugspunkte der Zeitung zu Intellektuellen auf der anderen Seite der Grenze im Kalten Krieg war. Tatsächlich geht die Entscheidung Heyms, seine Autobiographie „Nachruf“ zu nennen, wenigstens teilweise auf die wiederholten Nachfragen der Zeitung zurück, die Insider-Informationen von ihm wollte. Am Ende seines Buches erklärt Heym, dass Alden Whitman deswegen schon in den frühen 1970er Jahren mit ihm Kontakt aufnahm. Whitman, der damals der herausragende Nachruf-Schreiber der Zeitung war, wollte Heym persönlich besuchen – um sich einen Eindruck von den Unwägbarkeiten in der Persönlichkeit des Schriftstellers zu verschaffen. Heym gab nach, und Whitman wiederum schmeichelte ihm mit dem Hinweis, er habe gerade ein Interview mit Charlie Chaplin geführt, wodurch er Heyms Selbstbild als herausragender Intellektueller unterstrich. Heym, der Eigenwerbung nicht abgeneigt, fragte daraufhin, ob er seinen eigenen Nachruf sehen dürfe. Aber Whitman wies jeden Versuch einer Einsichtnahme zurück und erinnerte Heym an die eiserne Regel der Times, nach der die in den Nachrufen beschriebenen Personen mindestens bis zu ihrem Tod warten müssen. Allerdings ließ der Tod sich noch etwas Zeit, wenigstens im Fall Heyms, der Whitman, den Autor seines Nachrufs, überlebte.

Weil Heym nicht herausfinden konnte, wie die „überragende englischsprachige Zeitung“ sein Leben und Werk darstellen würde, beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und schrieb, unter dem oben genannten Titel „Nachruf“, seine Memoiren, um nicht warten zu müssen, bis der undurchdringliche Vorhang auch für ihn fiel. So stellte Heym sicher, dass seine Neugierde (und natürlich die seiner Leser) befriedigt wurde, wie man sich an ihn erinnern würde, stellte einiges klar und hatte das letzte Wort. Er wollte weniger begabten Autoren nicht die Aufgabe überlassen, sein Geschick und die Bedeutung seines herausragenden Werks zu erfassen.

Im Frühjahr 2001 ging Heym „den Weg alles Irdischen“, Jahrzehnte nach seiner ersten Begegnung mit Whitman. Er war im Tod wie in seinem Leben: ein geachteter und strikt unabhängiger öffentlicher Intellektueller, Schriftsteller und Essayist. Sein Leben, seine Arbeiten und sein Vermächtnis bleiben umstritten – denn Heym scheute weder die Kontroverse, noch die Debatte. Obwohl ihm völlig bewusst war, dass eine solche Stellung unweigerlich nicht nur Freunde, sondern als auch Gegner verschafft, was er akzeptierte, wäre er wohl doch ein wenig überrascht und enttäuscht gewesen über die Qualität, die sein Nachruf in der New York Times letztlich hatte. Gerade wenn man bedenkt, wie lange die NYT sich mit Heym beschäftigte, erscheint der Text unsagbar oberflächlich, formelhaft und so unwissend, dass sich der Leser fragen muss, ob die Verfasser überhaupt etwas über Heym wussten – jedenfalls mehr als das, was eine Google-Suche ausspucken kann. Um darzustellen, für was Heym stand, wäre eine Energie nötig gewesen, die offenbar nicht vorhanden war; stattdessen gab es nur eine reaktionäre Sicherheit, die sich aus Stereotypen des Kalten Krieges speiste, nicht aus einer Analyse.

Die Darstellung von Heym als „marxistisch-leninistischen Schriftsteller“ widerspricht nicht nur seinem Selbstverständnis, sondern einer Unzahl von Beweisen des Gegenteils. Der formelhafte Marxismus-Leninismus, die offizielle Doktrin der Sowjetunion und ihres Ostblocks, war eben das, was Heym und andere sozialistische Dissidenten ablehnten.
Bekanntlich hätten sich weder Marx – von dem der berühmte Ausspruch stammt, er sei kein Marxist – , noch Lenin mit der Sowjetunion und dem Ostblock zu Lebzeiten Heyms identifiziert. Stalin und seine Nachfolger schufen eine eigenständige Ideologie, in erster Linie um ihre Herrschaft zu rechtfertigen und ihre Legitimität zu erhöhen. Sie hatte wenig gemein mit der komplexeren, vielschichtigen intellektuellen und kulturellen Erbschaft von Marx und Lenin. Heym versuchte, dass kritische und emanzipatorische Potenzial der marxistischen Tradition weiterzuentwickeln, im Gegensatz zu den engen und restriktiven Interessen und Empfindlichkeiten von Parteibürokraten.

Ein Beispiel dafür ist seine Reaktion auf den Ausschluss aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband im Jahr 1979. Heym beklagte, wie unglaublich engstirnig und letztlich lächerlich die Parteibürokratie sei, „Liliputaner beim Autodafé: man muss das erlebt haben, um ermessen zu können, welchen Glauben an die Kraft der Ideen von Heine und Lassalle und Marx und Lenin einer haben muss, wenn er da nicht hohnlachend davon läuft“. Während Heym seine sozialistischen Ideale trotz der bigotten und diktatorischen Wirklichkeit im sowjetischen Herrschaftsbereich bekräftigte, forderte er ebenso große Aufmerksamkeit für die diversen Quellen seines Verständnisses von Sozialismus. Indem er sich nicht nur auf Marx und Lenin bezog, sondern auch auf den Dichter, Schriftsteller und Essayisten Heinrich Heine und den schillernden und exzentrischen Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, unterstrich er seine Distanz zum offiziellen marxistisch-leninistischen Kanon. Orthodoxe Marxisten-Leninisten zählten (gelegentlich mit etwas Unwohlsein) den notorisch eigensinnigen Heine zu ihrer eigenen Tradition, aber das erforderte diverse ideologische Dehnungsübungen und führte letztlich zu einer hochgradig bereinigten Darstellung. Das Wirken Lassalles wiederum wurde als bürgerlicher Versuch, die deutsche Arbeiterbewegung zu kooptieren, abgelehnt. Es war wohlbekannt, dass Marx und Engels aus persönlichen und ideologischen Gründen in Opposition zu Lassalle standen. Indem er ausdrücklich Lassalle und Heine in seine persönliche Traditionslinie eingliederte, machte Stefan Heym also klar, dass zu seiner Definition von Sozialist die Möglichkeit gehörte – und sogar die Notwendigkeit – , aus einer großen Vielfalt von Quellen zu schöpfen. Statt vor Komplexität, Spannung und Widerspruch zurückzuscheuen, forderte Heym die Auseinandersetzung mit Unstimmigkeiten und einer widersprüchlichen und vielschichtigen Wirklichkeit.

Mit dieser Haltung unterscheidet sich Heym nicht wesentlich von anderen kritischen deutschsprachigen Marxisten seiner Generation wie Robert Havemann und Erich Fried. Letzterer war ein Schriftsteller der wie Heym die Zeit der Nazi-Herrschaft im angloamerikanischen Exil verbracht hatte. Aber während Heym schließlich nach Kontinentaleuropa zurückkehrte und sich in Ost-Berlin niederließ, blieb Fried in London. Ironischerweise fuhr Heym dort, seine Romane auf englisch zu schreiben, selbst nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Fried andererseits schrieb weiterhin auf deutsch, obwohl er den Großteil seines Lebens in Großbritannien verbrachte. Fried hatte vor der Machtübergabe an die Nazis der österreichischen kommunistischen Jugendbewegung angehört und war später in kommunistischen Exilorganisationen in London aktiv. Bereits 1954 distanzierte er sich von der Parteilinie. Tatsächlich drückte er in einem Brief an Robert Bialek sogar seine Zweifel aus, ob man ihn überhaupt weiterhin einen Marxisten nennen könne. Gleichzeitig betonte Fried, wie sehr ihn das marxistische Denken geprägt habe und wie sehr dieses ihn weiterhin in seinem Denken beeinflussen werde. Er erkannte, dass der Marxismus erweitert und durch Erkenntnisse aus nicht-marxistischen Quellen ergänzt werden müsse. Das Kernproblem mit dem offiziellen Marxismus sei nicht nur seine stalinistische Perversion, sondern die Tatsache, dass Marx und Engels im 19 Jahrhundert gelebt hätten. Daher sei ihr intellektueller und kultureller Horizont von den wesentlichen Entwicklungen und Annahmen ihrer Zeit geprägt, inklusive des Rationalismus und Optimismus des 19. Jahrhunderts. Angesichts seiner Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert, zweier Kriege, dem Holocaust und dem Einsatz von Atombomben in Hiroshima und Nagasaki, plädierte Fried für eine Überprüfung des Marxismus, im Licht der neuen Erfahrungen und Einsichten. Es ist klar, dass Heym sich Frieds Ansicht angeschlossen hätte.

Unter den Kritikern von Heym in Deutschland sticht der einflussreichen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hervor. In der deutschen Literatur regierte er seit den 1960er Jahren als ebenso gebieterischer wie kontroverser Schiedsrichter, dessen Ablehnung oder Lob über die Karriere eines deutschen Schriftstellers entschied. Auch wenn er gelegentlich auf Widerspruch
stieß, konnte Reich-Ranicki als wichtigster Literaturkritiker der wesentlichen Zeitungen (wie Die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung) den Geschmack und das Urteil mehrerer Generationen der lesenden Öffentlichkeit prägen.
Marcel Reich-Ranicki erkannte Heyms Fähigkeiten als schlauer und unterhaltsamer Schriftsteller an, aber er beharrte darauf, dass dessen Prosastil höchstens mittelmäßig sei. Er argumentierte, dass Heyms literarische Reputation von allem auf seiner Rolle als politischer Rebel in Ostdeutschland beruhte, weniger auf seinen literarischen Vorzügen. Reich-Ranickis war allerdings auch für seine Abneigung gegen die Linke bekannt – eine Abneigung, die er ironischerweise als Befürworter der stalinistisch geprägten „sozialistischen Realismus“ entwickelte – und er verband seine Kritik von Heyms literarischer Qualität mit einer Kritik von Heyms politischen Ansichten. Nachdem er Heyms Ablehnung des „sozialistischen Realismus“ zynisch als „eine Handvoll gewagter Banalitäten“ bezeichnete, fuhr er fort, sich darüber zu beklagen, dass Heym das sozialistische Projekt insgesamt unterstützte. Obwohl Reich-Ranicki offenbar eher durch politische und philosophische Gegensätze und eine deutliche persönliche Abneigung motiviert war, legte er nahe, dass sein Urteil über Heym vor allem ein literarisches und ästhetisches sei. Während er Heym zusprach, seine Leserschaft zu fesseln und zu unterhalten, kommentierte er trocken, dieser besäße „mehr Intelligenz als Geschmack“ und mehr Kühnheit als Talent. Kaum jemand würde bestreiten, dass Heym im Lauf seines Lebens großen Mut bewies, als er sowohl dem Nazi-Regime, als auch der ostdeutschen SED-Diktatur widerstand. Aber für Reich-Ranicki war Heym vor allem der Autor zeitgenössischer Romane in der Epoche des Kalten Krieges, die als Literatur an sich nicht überdauern würden.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass Reich-Ranicki das letzte Wort über die literarischen Qualitäten von Heyms Romane und Kurzgeschichten haben wird. Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems vergangen, aber Heyms Bücher werden nach wie vor gedruckt, und auch auf englisch sind neue Ausgaben erschienen. Die Northwestern University Presss beispielsweise hat in seiner Reihe europäischer Klassiker drei von Heyms einfallsreichsten und bewegendsten Büchern, den „König David Bericht“ (1997), „Ahasver“ (1999) und „Die Architekten“ neu aufgelegt. Der britische Verlag Daunt Books hat 2012 eine Taschenbuch-Ausgabe von „Die Architekten“ veröffentlicht. Neue Übersetzungen ins Niederländische, Spanische und Russische sind herausgekommen. Seit 2009 existiert die Internationale Stefan Heym – Gesellschaft, mit einer wachsenden Zahl von Mitgliedern in aller Welt. Seit 2008 wird der Internationale Stefan Heym-Preis vergeben, dotiert mit 40 000 Euro, 2008 an den Israel Amos Oz, 2011 an den Kroaten Bora Ćosić und 2013 an den Deutschen Christoph Hein. Im Lauf seiner Karriere hat Heym auch das Interesse von Akademikern geweckt. Einer der produktivsten und scharfsinnigsten von ihnen ist Peter Hutchinson von der Universität Cambridge. 1992 veröffentlichte er die immer noch umfassendste und gründlichste Biographie Heyms in englischer Sprache. Hutchinsons Titel „Dissident auf Lebenszeit“ beschreibt treffend den wesentlichen Zug im Leben des Schriftstellers. Eine überarbeite Version dieses Werks erschien 2006 bei Cambridge University Press in der Reihe Studies in German.

1913 wurde Helmut Flieg (so der ursprüngliche Name Heyms) in einer sozial aufstrebenden deutsch-jüdischen Familie in der sächsischen Industriestadt Chemnitz geboren. Schon früh beschäftigten ihn Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des politischen Engagements. Noch während er das Gymnasium besuchte, publizierte der unbändige und redegewandte junge Mann ein politisches Gedicht in einer Lokalzeitung, die zu seinem Schulverweis führte. Das Gedicht kritisierte die deutsche Industrie und die Regierung wegen Waffengeschäften und Geschäftemacherei mit dem Ausland. Immer noch unter dem Namen Helmut Flieg musste Heym nach Berlin umziehen, um sein Abitur zu machen, die Voraussetzung, um eine Universität zu besuchen. Er schrieb sich an der Berliner Universität ein und studierte Philosophie, Germanistik und Journalismus, während er bereits als freier Autor in verschiedenen politischen und literarischen Magazinen veröffentlichte, darunter die berühmte linksliberale „Weltbühne“.
Als die Nazis am 31. Januar 1933 an die Macht kamen, war der junge Student gezwungen, Deutschland zu verlassen und in die Tschechoslowakei zu gehen. Zuvor wurde er noch Zeuge, wie das Parlamentsgebäude in Berlin brannte – der berüchtigte Reichstagsbrand. Hitler und seine Untergebenen machten die Kommunisten verantwortlich und beseitigten die letzten Reste von Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie. Als Jude und als Sozialist in doppelter Gefahr floh Flieg nach Prag und begann von da an, unter Pseudonymen zu veröffentlichen – um seine Familie vor weiterer Verfolgung durch die Nazis zu schützen. Nachdem er verschiedene Namen in deutschen und tschechischen Zeitungen ausprobiert hatte, entschied sich der junge Schriftsteller für „Stefan Heym“. Aber auch diese Vorsichtsmaßnahme verhinderte nicht, dass sich sein Vater im Jahr 1935 tragischerweise das Leben nahm. Später wurden viele Mitglieder seiner Familie in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet.

1936 gelang es Heym, ein amerikanisches Stipendium zu bekommen. Er verließ Prag und ging an die Universität in Chicago, wo er seinen Magister in deutscher Literatur machte. Seine Abschlussarbeit beschäftigte sich mit Heinrich Heines berühmtem Stück „Atta Troll“. Heine war für Heym aus einer ganzen Reihe von Gründen anziehend. In vieler Hinsicht spiegelt Heine Heyms eigenes Denken und Zwickmühle. Auch Heine war ein linker deutsch-jüdischer Intellektueller, der den Großteil seines Lebens im politischen Exil verbringen musste. Zeit seines Lebens interessierte sich Heym für Heine.

Nach seinem Abschluss zog Heym nach New York und arbeitete von 1937 bis 1939 als Redakteur und schließlich als Chefredakteur der antifaschistischen deutschsprachigen Zeitung „Deutsches Volksecho“. 1942 wurde sein erster großer Roman veröffentlicht, „Hostages“. Dieser Roman beschäftigte sich mit antifaschistischen Exilanten in der Tschechoslowakei und markiert den Beginn von Heyms schriftstellerischem Ruhm. Wenige Jahre später erlangte er eine internationale Reputation mit dem Bestseller „Der bittere Lorbeer“, in dem er seine eigenen umfangreichen Erfahrungen als Soldat der US-Armee verarbeitete. Nachdem er sich 1943 freiwillig meldete, kam Heym als Sergeant der Abteilung für psychologische Kriegsführung nach Europa, wo er an der Landung in der Normandie teilnahm und deutsche Soldaten aufforderte, sich den alliierten Streitkräften zu ergeben.

Nach Deutschland kehrte Heym als Soldat der amerikanischen Besatzungsarmee zurück. Er war Gründer und Herausgeber einer Zeitung, der Münchner „Neuen Zeitung“. Bis 1952 lebte er in den USA, bis das antikommunistische Klima in der Zeit McCarthys letztlich unerträglich für ihn wurde. Der Korea-Krieg brachte das Fass zum Überlaufen und Heym zog nach Europa. Nach Aufenthalten in Warschau und Prag ließ sich Heym und seine erste Frau Gertrude in Ostberlin nieder. Die Regierung unter Ulbricht war überglücklich, sich mit einer international bekannten Persönlichkeit vom Kaliber Heyms schmücken zu können. Sie ermöglichte ihm zwischen 1953 und 1956, eine regelmäßige Kolumne über soziale und kulturelle Fragen in der „Berliner Zeitung“ zu schreiben. Als Heym jedoch den Aufstand vom 17. Juni 1953 gegen das Ulbricht-Regime erlebte, wurde er zunehmend schärfer in seiner Kritik, und er bemühte sich, die politischen, sozioökonomischen und kulturellen Ursachen der Rebellion zu verstehen. Das Ergebnis dieser Überlegungen war ein Manuskript für einen Roman mit dem Titel „Der Tag X“. 1956 war der Roman druckreif, aber die ostdeutschen Zensoren verhinderten die Veröffentlichung. Trotz seiner zunehmenden Schwierigkeiten in der DDR sah sich Heym selbst niemals als Staatsfeind, sondern als sozialistischer Kritiker.

Das ostdeutsche Regime fuhr fort, Heym zu gängeln. Aber ein offener Bruch mit ihm war keine Option, weil seine weltweite Reputation zu wertvoll war. Daher griff das Regime zu Zuckerbrot und Peitsche: die Peitsche in Gestalt in immer mehr Schwierigkeiten mit dem Zensursystem, das viele Manuskripte von ihm ablehnte. Gleichzeitig wurde Heym mit Ehrungen und Preisen überhäuft, unter anderem mit dem angesehenen Heinrich Mann – Preis (1953), dem Literaturpreis der ostdeutschen Gewerkschaft und dem Franz Mehring – Preis (beide 1954), 1959 erhielt Heym den Nationalpreis, die wohl größte offizielle Ehrung in Ostdeutschland. Letztlich verstärkte das Regime den Druck, und 1969 wurde er mit zu einer harten Geldstrafe verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war Heym der meistgelesene ostdeutsche Autor im Westen, und das Regime zögerte, zu noch drastischeren Mitteln zu greifen.

1976 hätte das ostdeutsche System sehr wahrscheinlich gerne härtere Strafen eingesetzt, denn Heym war ein wichtiger Unterzeichner der berühmten Petition ostdeutscher Intellektueller gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Die Unfähigkeit des Systems, mit einem kritischen Liedermacher anders umzugehen als ihn zum Schweigen zu bringen und ihm die Staatsbürgerschaft zu rauben, während er auf einer Tournee im Westen war, war, das war Heym klar, nicht weniger als eine  moralische Bankrotterklärung. Die Ehre und Integrität der eigenen Verpflíchtung an ein emanzipatorisches Verständnis von Sozialismus verlangte öffentlichen Protest, und Heym tat genau das, indem er die Petition unterzeichnete.

1979 schickte er sein neustes Manuskript an einen ostdeutschen Verlag. Dieser Roman mit dem Titel „Collin“ beschäftigte sich mit den stalinistischen Zügen der DDR-Gesellschaft und der Art, wie das Regime versucht hatte, diese Vergangenheit zu ignorieren und zu beschönigen. Als die Zensoren das Werk ablehnten, beschloss Heym trotz großen Widerstands, ihn in Westdeutschland zu veröffentlichen. Diesmal reagierte das Regime vehementer. Zusätzlich zu einer empfindlichen Geldstrafe wurde Heym aus dem ostdeutschem Schriftstellerverband ausgeschlossen, wodurch er den Zugang zu dem in der DDR unerlässlichen professionellen Netzwerk der Literaten verlor.

Trotz der Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen, fand Heym Auswege. Weil das Regime nicht wagte, ihn entweder einzusperren oder ihm Reisen zu verbieten, fuhr er fort zu schreiben, Kongresse zu besuchen und der westlichen Presse Interviews zu geben. 1981 hielt er eine Rede auf einem gemeinsamen Treffen von DDR- und BRD-Autoren im niederländischen Scheveningen, mit dem die Friedensbewegung unterstützt werden sollte. Darin forderte Heym nicht nur das Ende des Kalten Krieges, sondern nannte die Wiedervereinigung sowohl möglich als auch natürlich. Mit dieser Aussage widersprach er offen der offiziellen ostdeutschen Doktrin, nach der eine eigenständige sozialistischen Nation im Osten entstanden sei, unabhängig von der traditionellen Nation, die durch Westdeutschland repräsentiert werde. Entscheidend ist, dass Heyms Vorstellung einer deutschen Wiedervereinigung nichts mit dem späteren Verlauf zu tun hatte, als Ostdeutschland in die BRD eingegliedert wurde. Stattdessen dachte Heym an eine Vereinigung gleichberechtigter Partner, die ihre jeweiligen Erfahrungen und Errungenschaften einbringen würden, wodurch eine neue Gesellschaft entstehen würde, die politische mit wirtschaftlicher Demokratie verbinden würde.

Daher war Heym am 18. September 1989 einer der Initiatoren der Resolution „Für unser Land“. Darin machten die Heym und die anderen Unterzeichner die Herrschaft der SED für die zunehmende Instabilität der DDR verantwortlich. Zunächst ignorierten die offizielle ostdeutsche Presse den Text. Dann führte öffentlicher Druck dazu, dass er am 18. Oktober in der Zeitung „Der Morgen“ veröffentlicht wurde. Mittlerweile begann das Regime sich aufzulösen, und auf der Demonstration am 4. November war Heym unter den Hauptrednern. Er forderte einen „erneuerten und besseren Sozialismus“ als Alternative zu einer Übernahme des Landes durch Westdeutschland. Heym feierte begeistert die Revolution und wies darauf hin, dass dies umso höher zu schätzen sei, weil frühere Revolutionsversuche erfolglos blieben. Mit Bezug auf den niedergeschlagenen Aufständen in Deutschland in den Jahren 1848 und 1919/18 drückte er seine Hoffnung aus, dass die Revolution von 1989 in eine demokratische und gerechte Zukunft führen werde. Aber nach dem Mauerfall am 9. November war Heym enttäuscht darüber, wie schnell viele Ostdeutsche der Verlockung nach schicker Massenware und Konsum nachgaben.

Der Zusammenbruch der DDR verschaffte dem westdeutschen konservativen Kanzler Helmut Kohl die Gelegenheit, offen in Ostdeutschland Wahlkampf für eine schnelle Wiedervereinigung zu betreiben (obwohl wenigstens auf dem Papier das Land nach wie vor ein souveräner und unabhängiger Staat war). Kohl versprach die Einführung der westdeutschen Währung und „blühende Landschaften“ im Gegenzug für die hastige Eingliederung des Landes in die Bundesrepublik. Jene Ostdeutschen, die wie Heym ein vorsichtigeres Vorgehen wollten, bei dem Ost und West sich als gleichberechtigte Partner zusammengeschlossen und voreinander gelernt hätten, wurden durch den Einfluss des westlichen Geldes an den Rand gedrängt. Selbst Kohls damals größter politischer Widersacher Oskar Lafontaine von der SPD konnte den Lockrufen Kohls nichts entgegensetzen. Lafontaine und viele andere, etwa der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kucynski, warnten vor den unvermeidlichen sozioökonomischen und kulturellen Verwerfungen durch eine zu hastige Wiedervereinigung. Außerdem sei durch das Ende des Kalten Krieges und den Fall der Mauer eine einzigartige Chance für Reform und Erneuerung auch im Westen gegeben. Aber solche Möglichkeiten wurden durch den Siegestaumel des Westens vergeben. Nicht nur die Regierung, alle ostdeutschen Institutionen und Erfahrungen wurden restlos für wertlos erklärt und abgewickelt. Statt einer ausgewogenen Entscheidung von Fall zu Fall zu suchen oder auch neue, innovativere Lösungen zu finden, wurden die westdeutschen Institutionen der ostdeutschen Gesellschaft unkritisch übergestülpt. Die Deindustrialisierung und massenhafte Arbeitslosigkeit machte aus dem ehemaligen Ostdeutschland eine Art Halb-Kolonie, die bis heute nicht in der Lage ist, sich wirtschaftlich selbst zu tragen.

Heym hatte jedoch keine Angst davor, gegen den Strom zu schwimmen und fuhr auch nach der Wiedervereinigung fort, seiner Ablehnung Ausdruck zu verleihen, und die Integrität seiner Stimme sicherte ihm internationale Aufmerksamkeit. 1990 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Bern verliehen, 1991 die der Universität in Cambridge. 1990 erhielt er den La Grand Livre de Mois Gutenberg Preis, 1993 den Jerusalem Preis für Literatur und im Jahr 2000 die Friedensmedaille der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg.
1994 warf sich Heym trotz seines fortgeschrittenen Alters noch einmal in die Politik. Nachdem er von Politikern der neugegründeten PDS gefragt worden war, ob er für den Bundestag auf einer „offenen Liste“ kandidieren würde, stimmte Heym nach einigem Nachdenken zu, bestand aber darauf, dass er weder dieser, noch einer anderen Partei beitreten würde. Nach den stark umkämpften Wahlen wurde Heym das älteste Mitglied des Parlaments. Weil in Deutschland es parlamentarischer Brauch ist, dass der Alterspräsident die neue Legislaturperiode mit einer Rede beginnt, bereitete Heym eine Rede vor, nur um festzustellen, dass gerade am Tag, als er sie halten sollte, die Kohl-Regierung das Gerücht verbreitete, dass er habe für die berüchtigte ostdeutsche Geheimpolizei, die Staatssicherheit gearbeitet. Dadurch sei er moralisch kompromittiert. Das Büro des Innenministers Manfred Kanther behauptete, dass verschiedene Dokumente aufgetaucht seien, die Heym als ehemaligen Stasi-Zuträger identifizierten. Die große Presse nahm diese Geschichte sofort auf. Beispielsweise schrieb die Berliner Zeitung am 11. November 1994: „Heym im Strudel einer Stasi-Affäre“.

Heym wurde beschuldigt, er habe der Stasi 1958 vertrauliche Informationen über den ehemaligen kommunistischen Funktionär Heinz Brandt verraten. Deshalb rief die Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth ihn um 21 Uhr am Vorabend der geplanten Rede an und drängte ihn, freiwillig auf sein Rederecht zu verzichten, um einen noch größeren Skandal zu vermeiden. Aber Heym gab nicht nach und wies die Vorwürfe entscheiden zurück, Es war wahrscheinlich eine ungemütliche Nacht, in der der 81jährige Heym und seine zweite Frau Inge ihre Stasi-Akten durchwühlten, um herauszufinden, ob jemand sie hereingelegt haben könnte. Als Heym am nächsten Tag die Eröffnungsrede hielt, zeigten sich Kohl und die meisten anderen konservativen Abgeordneten offen ablehnend und respektlos. Tatsächlich war Süssmuth das einzige CDU-Mitglied, das ihm Beifall zollte, während führende Regierungsvertreter ihre Ablehnung zeigten, indem sie während der Rede Zeitungen oder andere Dokumente lasen oder verächtlich grinsten. Wenig später wurde Heyms Unschuld offiziell festgestellt.

Heyms Aussagen in der Parlamentsrede sind bezeichnend. Vor allem suchte er Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West und im gesamten politischen Spektrum. Dies war kein Angriff, sondern er forderte Dialog und Verständnis ein. Heym begann, indem er sich in eine vielschichtige Traditionslinie verortete, zu der er sowohl den Sozialdemokraten Willy Brandt, als auch die ehrwürdige Frauenrechtlerin und Marxistin Clara Zetkin zählte. Letztere hatte im Herbst 1932 die parlamentarische Eröffnungsrede gehalten, nur Monate bevor Hitler Kanzler wurde. Zetkin und viele andere Politiker mussten unter Lebensgefahr fliehen. Fast 200 Abgeordnete wurden von den Nazis ins Gefängnis gesperrt und mehr als die Hälfte von ihnen später umgebracht. Heym erwähnte, dass er zu den Überlebenden der Nazi-Herrschaft gehörte und viele Jahre später in der Uniform eines US-Soldaten zurückkehrte. Heym drückte seine Hoffnung aus, dass das demokratische System in Deutschland nach Ende des Kalten Krieges stabiler sein würde als das der unglücklichen Weimarer Republik. Obwohl er einräumte, dass die Ostdeutschen seit der Wiedervereinigung 1990 vieles gewonnen hätten, betonte Heym, dass sie es gewesen seien, die sich vom SED-Regime befreit hätten. Daher seien sie keine hilflosen Opfer, sondern Subjekte mit Würde und wertvollen Erfahrungen. Heym betonte die Bedeutung der Zivilgesellschaft für die Lösung der heutigen und zukünftigen Probleme, wozu er Armut, Umweltzerstörung und die Erosion wirklicher Demokratie zählte. Die Menschheit könne nur in Solidarität überleben, nur wenn alle Menschen sich entsprechend ihrer Möglichkeiten entfalten könnten. Wesentlich seien Großmut, Toleranz und die kulturelle Möglichkeit, nach neuen und humanen Alternativen zum Bestehenden zu suchen.

In seinem wunderbaren Buch „Der König David Bericht“ lässt Stefan Heym den Eunuchen Amenhotep, einer der beeindruckendsten und komplexesten Figuren des Romans, sagen:

Als Schüler der vergangenen und gegenwärtigen Ereignisse, ist dir nicht aufgefallen, dass der Geist der Menschen ebenso wie ihre Zunge merkwürdig gespalten ist. Wir scheinen in zwei Welten zu leben: eine, wie sie in den Lehren der Weisen beschrieben wird … und eine andere, von der niemand spricht, aber die wirklich ist. Und gelobt sei diese Geistesspaltung, denn sie erlaubt einem Menschen, das zu tun, was wegen der Gesetze der Wirklichkeit nötig ist und dennoch an die Lehren der Weisen zu glauben.

Amenhotep, der sich pragmatisch mit dem Status quo eingerichtet hat, warnt den zentralen Charakter Ethan, „in der Welt der Eunuchen lohnt es sich nicht, sich wie ein Mann zu verhalten“. Stefan Heym wusste, dass die Kluft zwischen dem, was wir angeblich anstreben, und dem, was wir wirklich tun, für die meisten eine Notwendigkeit ist, um ihren Seelenfrieden zu bewahren. Aber diese kognitive Spaltung hat sich durchaus als gefährlich erwiesen, wie die Katastrophen des 20. Jahrhunderts belegen. Wie Ahasver, ein anderer seiner Charaktere, war Heym ein „wandernder Jude“, gleichzeitig ein Mensch mit seinen Fehlern und ein hartnäckiger Idealist, der an seinem sozialistischen Humanismus bis zu seinem Tod festhielt. Am Ende des „König David Berichts“ vertraut Ethan uns an:

Ich habe auch festgestellt, dass ich in meiner Zeit gefangen war und ihre Grenzen nicht überwinden konnte. Der Mensch ist nichts als der Stein in einer Schleuder und wird auf Ziele geschleudert, die er nicht kennt. Alles, was er tun kann, ist sein Denken etwas länger überdaern zu lassen als er selbst, als ein schwaches Signal an die kommenden Generationen. Ich habe es versucht. Man möge mich entsprechend beurteilen.