"Schwarzenberg": Trauerarbeit über die Verlusterfahrung mit der DDR-Geschichte

„Schwarzenberg“: Trauerarbeit über die Verlusterfahrung mit der DDR-Geschichte

Ein Interview mit Michael Ostheimer über das utopische Potential, das Stefan Heym und Volker Braun in einer kurzen historischen Episode in der erzgebirgischen Provinz entdeckten

Michael_Ostheimer

Herr Doktor Ostheimer, Sie beschäftigen sich als Literaturwissenschaftler mit Heyms Roman „Schwarzenberg“, allerdings weniger mit der gleichnamigen kleinen Stadt im Erzgebirge, sondern mit dem Sinnbild Schwarzenberg, wie es in den Romanen von Stefan Heym und Volker Braun auftaucht. Was interessiert Sie an dieser Thematik?

Für mich ist Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“ sein Buch mit dem größten Aktualitätspotential, das Werk, das uns am meisten sagen könnte. Das gilt allerdings nur, wenn wir dieses Buch radikal historisieren, also aus der historischen Situation seiner Entstehung begreifen. „Schwarzenberg“ spricht nicht mehr direkt zu uns, aber – gerade in der Verbindung mit Volker Brauns „Das unbesetzte Gebiet“ – stellt sich heraus, was an diesem Buch aktuell bleibt, in Bezug auf eine mögliche Utopie.

 
Inwiefern thematisiert „Schwarzenberg“ denn Utopie?

In den letzten zwanzig Jahren ist dieser Begriff ja völlig auf den Hund gekommen. Heute redet niemand mehr über Utopie, und das hat ja in gewisser Weise auch seine Berechtigung, schließlich wurde der Begriff in vielerlei Zusammenhängen überstrapaziert. Wenn wir uns heute fragen, wo gibt es überhaupt einen Ansatzpunkt, der über den bestehenden gesellschaftlichen Zustand hinausweist, dann scheint mir Heyms und Brauns „Schwarzenberg“ interessant. Die beiden verorten nämlich ihre Utopie in Form eines konkreten Georaums, der später Teil der DDR wurde. Das ist ungeheuer spannend: Wenn man noch einen Funken aus der Geschichte in Richtung Utopie schlagen will, dann müssen wir auf unsere eigene Geschichte schauen – so wie das alle starken sozialen Bewegungen tun.
Ich beschäftige mich seit langem mit der Literatur der DDR und ihrer Behandlung der Utopie. Diese Literatur hat zwei Besonderheiten: Sie war in vieler Hinsicht abgeschottet, nicht erst seit dem Mauerbau 1961. Andererseits hatte die Arbeitswelt von Beginn an ein revolutionäres Potential. Nicht nur wegen des Fehlens der Reisefreiheit gab es daher eine starke Konzentration in der Literatur auf diesen konkreten, klar umgrenzten Georaum, auf diesen Staat mit seinem Staatsgebiet, aus dem nun etwas gemacht werden sollte. Damit figurieren in dieser Literatur genuine DDR-Räume für utopische Vorstellungen, spezifische Orte und Landschaften, für die es in der BRD keinerlei Entsprechung gibt, etwa sozialistische Planstädte wie Halle-Neustadt oder industrielle Großbetriebe wie Eisenhüttenstadt, später die Mauer, an der man sich in vielerlei Hinsicht literarisch abarbeitet.

 
Was hat Ihrer Meinung nach Stefan Heym an den Ereignissen in Schwarzenberg interessiert?

Die Schwarzenberger Ereignisse waren für ihn, glaube ich, in erster Linie ein Anlass, Figuren zu entwickeln, die er aus einer Perspektive betrachtet, die stark an Alexander und Margarete Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ angelehnt ist. Die drei wesentlichen Protagonisten Kadletz, Reinsiepe und Wolfram sind auf unterschiedliche Art schuldig geworden. Sie werden im Verlauf der Geschichte mit ihrer persönlichen Schuld konfrontiert, die aus ihrem Verhalten im Nationalsozialismus herrührt und nachwirkt. Diese Schuld ist der Anlass, über die Möglichkeit von Geschichte und ihrer Gestaltung nachzudenken.

 
Andererseits kommen kollektive Schuld oder Verantwortung in diesem Roman kaum vor – um was für eine Art von Schuld dreht sich dieses Buch dann?

Ja, was wir heute „kollektives Gedächtnis“ nennen, existiert in diesem Buch eigentlich nicht. Der ungeheure Memorialisierungschub in Bezug auf den Nationalsozialismus im Westen, für den Richard Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985 steht, ist dem Schriftsteller Heym fremd. Ihm geht es nicht um die Figur der „Erlösung durch Erinnerung“, die uns heute so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er orientiert sich an den individuellen Geschichten. Damit unterscheidet sich „Schwarzenberg“ übrigens nicht vom Gros der DDR-Literatur, in der Auschwitz ja nur eine sehr geringe Rolle gespielt hat.
Im Westen wie im Osten Deutschlands findet Mitte der 1980er Jahre ein Umschlag statt. „Die Unfähigkeit zu trauern“ war ja ein Vademecum der 68er Bewegung, das in zweierlei Hinsicht gegen die eigenen Eltern gewendet werden konnte: „Ihr seid schuldig geworden und ihr habt euch zu wenig in die Opfer hineinversetzt.“ Die Argumentation geht dann in etwa so weiter: „Wenn ihr euch nicht in die Opfer hineinversetzt, dann könnt ihr wegen eurer Verdrängung gar keinen anderen Staat als eine Verlängerung des NS-Staats aufbauen. Und wir leisten diese Empathie jetzt stellvertretend für euch.“
Diese Vorstellung überträgt Heym jetzt auf die DDR. Auch seine Figuren empfinden in irgendeiner Form Schuld und bearbeiten sie trauernd, genau wie die Mitscherlichs sich das vorgestellt haben: durch Erzählung und Aufarbeitung der eigenen Individualgeschichte. Im Prinzip sind wir als Leser der Therapeut. Wer die Vergangenheit nicht bewältigt hat, kann nicht selbstbestimmt die Zukunft gestalten.

 
Aber es geht doch noch um mehr als um individuelle Leidensgeschichten, der Roman hat eine klare politische Stoßrichtung gegen den Stalinismus. „Diese kleine Republik, geleitet von wohlmeinenden und ehrlichen Leuten“, heißt es da, ist ein Modell für eine Versöhnung von Demokratie und Sozialismus.

Die Pointe ist ja gerade, dass der individuelle psychologische Prozess der Trauerarbeit die Voraussetzung ist für eine neue Art, Politik zu machen. Es geht sowohl um individuelle Geschichte als auch um die kollektive politische Dimension. Diese beiden Aspekte darf man keinesfalls auseinanderreißen! Dieser Roman hat zwei Zeitebenen, einerseits die Zeit des Ich-Erzählers in der DDR der 1970er Jahre, „in der alles seines sozialistischen Gang geht“, andererseits die ersten Wochen nach dem Kriegsende. So entsteht eine Spannung zwischen damals, den sechs Wochen im Jahr 1945 und der zweiten Erzählebene, also zwischen einem kurzen sozialistisch-demokratischen Experiment – das ja vielleicht auch gar nicht so sozialistisch war, wie dem auch sei – und der späteren Ernüchterung über den historischen Verlauf. Damit thematisiert und historisiert Heym im Jahr 1984 auch seine eigene Verlusterfahrung mit der DDR-Geschichte, die Ernüchterung über die Resultate des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden. Während die alten Akteure eher ernüchtert sind und von Utopie nichts mehr hören wollen, wird gleichwohl die Erinnerung an deren Utopie an die nächste Generation tradiert.

 

 

Die kurze Zeit, in der in Schwarzenberg ein antifaschistischer Aktionsausschuss aktiv war, ist ja äußerst symbolträchtig, aber die 42-tägige Selbstorganisation blieb eine Episode. Überfrachtet Heym die historischen Vorgänge um Schwarzenberg nicht?

Das kann man so nicht sagen. Es geht nicht um realistisch–mimetische Darstellung, jeder historische Roman ist eine Verfremdung. Eine eigentliche Geschichte gibt es nicht. Man kann sagen, das hat wenig zu tun mit dem, was dokumentarisch verbrieft ist – aber das ist nicht wichtig. Diesen Anspruch hat Heyms „Schwarzenberg“ auch nicht. Die historischen Ereignisse sind ein Sprungbrett, um über die Möglichkeiten selbstbestimmter Geschichte unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts nachzudenken.

 
Sie haben sich auch mit „Das unbesetzte Gebiet“ von Volker Braun beschäftigt. Inwiefern thematisiert dieses Buch Utopie?

Es ist ein Sprechen aus der Nachgeschichte der Utopie. Während Stefan Heym sich in den 1980er Jahren auf die DDR-Geschichte bezieht, mit ihr durchaus noch utopische Impulse verbindet und sie historisiert, macht Braun sofort klar: das Thema Utopie ist erledigt! Das Interessante daran ist die Spannung, die entsteht, weil einerseits keine Grundlage mehr für Utopie gegeben ist, andererseits aber das historische Ereignis es möglich macht, es narrativ wiederaufleben zu lassen. Indem wir das erzählen, können wir uns der Möglichkeit versichern, dass es so etwas wie Utopie und entsprechende Ideale gibt. Nur im Erzählen kann utopisches Potential aufscheinen. Es geht nicht mehr darum, sich hier etwas Konkretes anzueignen, sondern nur noch darum, sich erzählend zu erinnern. Die mögliche Aneignung liegt in der Versenkung in die Geschichte, um, mit Walter Benjamin zu sprechen, den utopischen Funken wachzuhalten.