Nacht am Wedding

Nacht am Wedding

Das Pflaster reizt zum Bau von Barrikaden.
Die Straßen sind sehr still. Nur eine Gruppe
von Arbeitslosen steht vor einem Laden.
Ein Stern tanzt leis auf eines Daches Kuppe.

Kleiner Schupo geht allein
durch den Straßenschacht,
tritt vielleicht auf jenen Pflasterstein,
unter dem einmal sein Schädel kracht.
Kleiner Schupo friert mit einem Male.
Die Laterne leuchtet grau.
Splittern ihre Gläser? Ihre harte, kahle
Eisenstange taugt zum Barrikadenbau.

Dies ist eine von den letzten Nächten,
da der Wedding noch, schwer atmend, träumt.

Während Gott schon die gerechten
Bürger sondert von den schlechten
und die guten fürsorglich zur Seite räumt.
Damit, trotz der Barrikadennähe,
ihrem Bauch kein Leid geschehe.

Diese Nacht sitzt in den Fensterhöhlen,
und im Rinnstein hockt ihr Kind.
In den letzten Kneipen hört man Männer gröhlen,
deren Frauen wartend wach im Bette sind.

 

Dieses bisher unveröffentlichte Gedicht entstand im Jahr 1932 und ist dem nächste Woche erscheinenden Band „Ich aber ging über die Grenze“ entnommen. Das Buch enthält auch fünf Collagen von Horst Hussel, von denen eine hier abgebildet ist.

Für die Erlaubnis zum Vorabdruck bedanken wir uns herzlich beim C. Bertelsmann-Verlag! Die biographischen Angaben: Stefan Heym (2013) Ich aber ging über die Grenze: Frühe Gedichte. München. 128 Seiten für 14 € 99.

 

berlin hussel

Collage von Horst Hussel