Gregor Gysi über Stefan Heym

Gregor Gysi über Stefan Heym

In der neuen Ausgabe von Das Blättchen würdigt Gregor Gysi Stefan Heym.

Stefan Heym war und bleibt ein bedeutender Dichter Deutschlands. Ihn zeichnete eine außergewöhnliche Biographie aus.
In Chemnitz geboren musste er als Jude Deutschland verlassen, nachdem die Nazidiktatur begann.
In den USA trat er den Streitkräften bei und kämpfte gegen die Deutsche Wehrmacht. Nach der Befreiung Deutschlands kehrte er in die DDR zurück und blieb dort bis zum Ende des Staates. Er war niemals Mitglied einer Partei und ließ sich auch nicht vereinnahmen. Er schrieb kritisch über die Gründe für den 17. Juni 1953. Die SED lehnte deshalb die Veröffentlichung seines Buches wie auch weiterer Schriften von ihm ab. Es gab sogar ein Strafverfahren gegen ihn wegen eines angeblichen Devisenvergehens. Rehabilitiert wurde er erst nach der Wende.
Stefan Heym konnte auch absichtsvoll sehr provokativ sein. Ich erinnere mich daran, dass wir beide Gast des britischen Botschafters in dessen Residenz waren. Die SED-Führung hatte gerade die sowjetische Zeitschrift Sputnik verboten. Sie wurde vom Postzeitungsvertrieb nicht mehr vertrieben. Plötzlich fragte Stefan Heym mich laut, was ich vom Sputnik-Verbot hielte. Alle Gäste im Raum schwiegen und warteten meine Antwort ab. Was sollte ich antworten? Ich ahnte ja, wohin meine Antwort noch gehen würde. Ich erklärte, dies sei die Folge, dass ein CDU-Mitglied zum Postminister gemacht worden wäre. Stefan Heym musste so lachen, dass er seine Fragen nicht fortsetzte. Der Postminister der DDR war tatsächlich CDU-Mitglied. Man kann allerdings mit Sicherheit davon ausgehen, dass er vom Verbot des Sputnik ebenso aus der Zeitung erfahren hat, wie die meisten in der DDR.
Während der Wende unterschrieb Stefan Heym eine Erklärung für den Erhalt der DDR. Das wurde ihm im Westen mehr als übel genommen, und er bekam es noch lange Zeit danach zu spüren. Wir hatten viele Gespräche und ich konnte ihn davon überzeugen, für den Bundestag direkt in Berlin zu kandidieren. Dies geschah in Berlin-Mitte und in Berlin-Prenzlauer Berg. Er schlug Wolfgang Thierse und wurde direkt in den Bundestag gewählt. Beschämend war, dass die Abgeordneten der CDU/CSU nicht aufstanden, als er als Alterspräsident den Deutschen Bundestag betrat und seine Eröffnungsansprache hielt. Viele, die uns niemals wählen oder gewählt haben, fanden dies gleichermaßen unerhört. Vorausgegangen war eine Verleumdung gegen ihn im Zusammenhang mit der Staatssicherheit, die anschließend vollständig entkräftet wurde.
Stefan Heym bleibt uns schon wegen seiner tollen Bücher in Erinnerung. Er war aber auch ein mutiger, ein entschlossener Mann. Er war ein bedeutender Kritiker der SED, wusste aber, dass die linke, demokratisch-sozialistische Idee aufrecht erhalten bleiben muss.
Kurz gesagt: Er war ein toller Kerl.