"Der Schlüssel ist also: furchtlose Diskussion."

„Der Schlüssel ist also: furchtlose Diskussion.“

Stalin verläßt den Raum (1964)

Rede, gehalten auf dem »Internationalen Colloquium der Schriftsteller sozialistischer Länder« im Dezember 1964

 

Auf einer internationalen Schriftstellerkonferenz erzählte mir Ilja Ehrenburg eine Geschichte, die mich seither verfolgt hat.
Im Jahre 1956 geschah es, daß man dem Regisseur jener Filme, die Stalin so glorifizierten, einige Fragen stellte. Der Mann verteidigte sich, indem er die Szenarien vorlegte, nach denen er gearbeitet hatte. Dort fand man dann eine Zeile wie etwa: Stalin verläßt den Raum. Aber die Zeile war ergänzt worden – in Stalins eigener Handschrift – und lautete nun: Der große Stalin verläßt den Raum.
Ich glaube, die Geschichte wirkt so stark, weil sie die Schrecken einer ganzen Epoche auf Proportionen reduziert, die sich begreifen lassen – und weil sie eine Anzahl Fragen aufwirft. Nicht so sehr medizinischer Natur: Sicher werden Psychiater der Zukunft die Krankheitssymptome sorgfältig studieren und zu einer schlüssigen Diagnose des Patienten Stalin gelangen. Wichtiger ist die Frage der revolutionären Ethik: Wie Tausende von Kommunisten, bewährte Kämpfer, sich allmählich einem Zustand unterwerfen konnten, den sie als übel und im Gegensatz zu ihren Idealen stehend erkannt haben mußten. Aber die Frage, die uns unmittelbar betrifft, ist politischer und philosophischer Natur: Da der größere Teil, dreißig Jahre, des Experiments Sozialismus unter der Agide Stalins durchgeführt wurde, und da national und international der Machtapparat Stalins völlig autokratisch, pyramidenartig aufgebaut war – wieviel stammt dann, nicht nur bei einem Filmszenario, sondern bei der Praxis des Sozialismus, von dessen ursprünglichen Autoren und wieviel von Stalin? Und hierbei wieder, wieviel von Stalin, dem nüchternen Marxisten, der zu Recht entschied, daß der Aufbau des Sozialismus in einem Lande möglich war, und wieviel von Stalin, dem Paranoiker?
Viele sind der Meinung, daß eine Untersuchung des Problems unumgänglich ist- so notwendig wie etwa die Untersuchung, die der Chirurg anstellt, um den Bereich des kranken Gewebes zu erkennen, bevor er das Skalpell ansetzt und die Wucherungen von den gesunden Teilen des Körpers trennt. Denn der Körper des Sozialismus ist an Haupt und lebenswichtigen Gliedern gesund.
Der Beweis für seine Gesundheit und Regenerationsfähigkeit ist von den Menschen erbracht worden. Hätten nicht Millionen von ihnen – Arbeiter an ihrer Maschine, Bauern hinter ihrem Pflug, Wissenschaftler in ihrem Laboratorium, Schriftsteller an ihrem Schreibtisch, Soldaten auf ihrem Posten – Tag um Tag und unter den schwierigsten Umständen mehr als ihre revolutionäre Pflicht getan, so stünde der Sozialismus heute nicht festgegründet auf einem Drittel der Erde. Aber wieviel mehr hätten diese Menschen durch ihre Mühen und Opfer erreichen können, um wieviel weiter hätte die Geschichte vorwärts geschritten sein können, wenn ihr Fortschritt nicht gehemmt worden wäre von dem, was mit großer Zurückhaltung als Entstellung der Leninschen Normen bezeichnet
wird?
Es ist um dieser Menschen willen, daß man den Schmutz, der unter den Teppich gekehrt wurde, ausfegen, den Teppich selbst reinigen und den Raum desinfizieren muß, den Stalin verlassen hat.

Die letzten Jahre haben in der sozialistischen Industrie, Technik und Naturwissenschaft beträchtliche Veränderungen zum Guten gebracht. Aber außerhalb der Brot-und-Butter-Kategorie? … In Philosophie, Kunst, Literatur?
Vielerorts liegt eine große geistige Unruhe verdeckt unter einer merkwürdig glatten, profillosen Oberfläche; öffentlich getane Äußerungen haben oft einen doppelten und dreifachen Boden; und der Dunst der Heuchelei breitet sich aus – privat redet einer so, aber ganz anders spricht er in seinem Betrieb, seinem Büro oder seiner Gewerkschaft, oder in den Artikeln und Büchern, die er schreibt. Dieser Zustand ist gefährlich, denn er führt zu Stagnation und Niedergang.
Es gibt nur einen Weg, um das zu vermeiden: die Sache ans Tageslicht zu bringen, zu diskutieren, abzuwägen und zu korrigieren. Sie weiterhin zu verschweigen, so zu tun, als gälten die alten Regeln ausnahmslos noch, oder schlimmer, vorzutäuschen, man habe seine Ideen den neuen Tatsachen angepaßt, während man sich in Wirklichkeit an die alten Dogmen klammert, steigert nur den überall spürbaren Zynismus. Es untergräbt das Vertrauen der Menschen, besonders der jungen. Es macht es unmöglich, die Initiative und Begeisterung zu erzeugen, ohne die sich der Sozialismus nicht erbauen läßt.

Der Schlüssel, scheint es, ist also: furchtlose Diskussion. Diskussion ohne Tabus, Bezweifeln auch des scheinbar Selbstverständlichen, Infragestellen auch des scheinbar längst Feststehenden.
Behandlung vor allem des zentralen Problems, das den großen Konflikten im Bereich des Sozialismus zugrunde liegt, des Widerspruchs zwischen der revolutionären Demokratie einerseits, die dauernden Zweifel am Edikt, dauerndes Infragestellen der Doktrin erfordert, und der revolutionären Disziplin andrerseits, welche Unterordnung verlangt und bedingungsloses Befolgen von Direktiven.
Doch sollte die Diskussion sich nicht auf dieses Thema beschränken. Sie sollte Fragen einschließen, wie etwa die Einordnung der Kernphysik, der Kybernetik, der Biochemie und ihrer Resultate in den Rahmen der modernen Dialektik, oder die Befreiung der Ästhetik der Kunst und Literatur von den sterilen Schablonen, in welche man sie in der Stalin-Zeit einzwängte.
Das Leben konfrontiert uns mit diesen Problemen, und niemand kann sich ihnen entziehen. Kein Schriftsteller kann einer Stellungnahme entgehen. Eine Kunst ohne Engagement gibt es nicht, im Kapitalismus nicht, und erst recht nicht im Sozialismus. Im Sozialismus bedeutet schon das Schweigen eines Autors oder sein Vermeiden eines Themas, daß er Stellung bezieht.

Wie tief das Sehnen nach Debatte und Diskussion in der sozialistischen Welt geht, kann man an der Tatsache ermessen, daß dort, wo der Rotstift des Zensors eine echte Diskussion verhindert, unechte Diskussionen mit viel Lärm und wie auf Kommando durchgeführt werden – Kontroversen ohne Kontroverse, über Fragen von minimaler Bedeutung; öffentliche Debatten über Bücher, in denen so welterschütternde Ereignisse behandelt werden wie das törichte Vorgehen eines Dorfbürgermeisters, der seinen Bauern eine falsche Art von Kuhställen aufzwingen will, oder die außereheliche Vaterschaft eines kleinen Parteisekretärs, der den Skandal vertuschen möchte.
Häufig wird diese Methode der >>Diskussion< Es ist wahr, daß der Westen bei jeder Art von Debatte mithören wird. Es ist ebenso wahr, daß gewisse Gruppierungen im Westen sich bemühen werden, aus den in der Debatte zutage tretenden Tatsachen und aus den Argumenten, die benutzt werden, Vorteile zu ziehen. Man wird ihre Schadenfreude erleben und auch Versuche direkter Einmischung.
Aber der Sozialismus ist nicht mehr die Sache einer kleinen Sekte. Ein Drittel der Menschheit hat sich ihm angeschlossen, und bei dem heutigen Stand der Kommunikationsmittel werden seine Debatten auch die Ohren von Menschen erreichen, die ihm nicht immer freundlich gesinnt sind. Wollte man darum die Debatte auf Themen beschränken, die westlichen Zeitungsredakteuren und Propagandisten kein Material bieten, so müßte man praktisch jede Debatte und jede Kritik ausschließen, Chruschtschow hätte seine berühmte Rede auf dem Zwanzigsten Parteitag der Sowjetischen Kommunistischen Partei nie halten, Luigi Longo das Memorandum des toten Palmiro Togliatti nie dem Setzer übergeben dürfen.
Die Taktik des Verschweigens, die Forderung Bitte nur harmlose Debatten! sind in Wahrheit ein Mittel der Konservativen, ihre Politik des Nichtstuns fortzusetzen und ängstlich auf dem Deckel des Topfes hocken zu bleiben, in dem es so unheimlich brodelt. Wir dürfen die Schmerzen nicht fürchten, die es kostet, sich zur Wahrheit hindurchzufinden; die Wahrheit ist immer revolutionär; wo ihr untrüglicher Zeiger scheinbar gegen die Revolution ausschlägt, deutet er an, daß etwas fehlerhaft ist, nicht an der Idee der Revolution, wohl aber an der Art ihrer Durchführung.
Die aber sind Narren, drüben im Westen, die da glauben, sie könnten im trüben fischen. Mögen sie ein Weilchen Spaß haben, aber ihre Netze werden leer bleiben.
Wir diskutieren unsere Anschauungen nicht, analysieren unsere Gedanken nicht, zerlegen unsere Hirne nicht, um Time lnc. in New York oder dem Axel-Springer-Verlag in Harnburg eine Freude zu bereiten. Wir tun dies vielmehr, um den Leib des Sozialismus von den Rost- und Blutflecken der Stalin-Ära und von dem Schimmelpilz der Bürokratie zu säubern, damit der Sozialismus wieder scheine im großen Glanz jener, die ihr Leben und ihr Herz dafür gaben, und die Menschen, vor allem die jungen Menschen, mit der Begeisterung erfülle, welche Welten bewegt.