Peter Hutchinson: Die erste Begegnung

Peter Hutchinson: Die erste Begegnung

Die erste Begegnung war eine literarische. Und nicht die beste. Es war um 1970, ich promovierte über die Teilung Deutschlands in der Gegenwartsliteratur, und natürlich stand eine Sammlung von Kurzgeschichten auf meiner Liste: Schatten und Licht. Geschichten aus einem geteilten Lande. Die symbolische Bedeutung des Titels hing stark über dem ganzen Band: West gegen Ost, Schwarz gegen Weiß, Pessimismus gegen Hoffnung. Texte aus den Fünfzigerjahren, aus der schlimmsten Periode des Kalten Krieges. Heym gehörte, so schien es mir, zu den Dichtern im Dienst, obwohl die Geschichten selber Wert hatten.

Aus diesem Grunde mied ich den König David Bericht, der 1972/73 erschien. Zwar erweckte der Roman großes Interesse in den englischsprachigen Ländern, aber, nahm ich an, nur deswegen, weil der Verfasser ein Ostdeutscher war. Aber eines Tages stieß ich auf die englische Fassung und fing halbherzig an. Nach dem ersten Kapitel war ich fasziniert. Dies war ein Meisterwerk, bei weitem der beste Roman aus der DDR, den ich je gelesen hatte. Ein Roman voller Humor, aber auch tiefgreifend! Ich las bald mehr von diesem Autor: Kreuzfahrer, Die Augen der Vernunft, Lenz, Lassalle, Defoe … Ich schrieb eine Sendung über König David für das dritte Programm der BBC und staunte, dass dieser Mann in zwei Sprachen so fantastisch komponieren konnte. Ich plante also mehr, und zwar zuerst einen Artikel über seine Arbeit als Selbstübersetzer. Er hatte kaum seinesgleichen. Ich fing mit meiner Analyse an und fragte mich, ob es vielleicht möglich wäre, ihn zu sprechen. Ich schrieb einen freundlichen Brief, und er rief mich sofort an. Selbstverständlich wäre er bereit, mir ein Interview zu geben. Vor allem über Selbstübersetzung – kein Mensch hatte sich bisher für so was interessiert, und dennoch hatte er so viel dareingesetzt!

Ich fuhr nach West-Berlin, über die Grenze und dann mit der S-Bahn nach Grünau. Er hatte vorgeschlagen, mich vom Bahnhof abzuholen, aber ich zog es vor, durch den Wald zu gehen. Ein schöner, idyllischer Tag, aber ich war unsicher. Es war Anfang der Achtzigerjahre. Jetzt wusste ich so viel mehr über diesen Mann: über seinen Mut, seine Vielseitigkeit, seine literarische Meisterschaft. Er hatte Hunderte von Interviews gegeben, aber ich war ein junger Germanist, keine bedeutende Figur wie die berühmten Journalisten, die um ihn schwärmten. Die Unsicherheit war grundlos: Er begrüßte mich herzlich, ja er freute sich sehr, wieder Englisch sprechen zu können, und er bat mich, in den Garten zu kommen, wo die Katze sich für mich interessierte. Der Kaffee war schon bereit. Seine Frau schliefe noch, würde später zu uns kommen. Er goss ein, bot mir Kekse an. Nun, welche Fragen hatte ich?

Ich wusste, die erste Frage musste eine gute sein, und sie war es. Er dachte nach. „Moment“, sagte er und ging wieder ins Haus. Er kam mit einem Tonband zurück. „Fangen wir wieder an“, sagte er, „stellen Sie die Frage wieder.“ Das Interview dauerte lange. Er musste das Band wechseln. Zuerst sprachen wir über Theorie und Praxis der Selbstübersetzung, und manchmal lachte er mich aus. „Theorie! Grau, mein Freund, ist alle Theorie …“ Ja, er zitierte Goethe, aber auch Mark Twain und Daniel Defoe. Ich dagegen konnte Stefan Heym zitieren, konnte ihn ab und zu korrigieren: Nein, das habe er wohl nicht geschrieben, und wie wäre es mit … Er stutzte. So etwas war er offenbar nicht gewohnt. Hatte ich zu viel gewagt? Im Gegenteil, er freute sich enorm, dass jemand seine Bücher so gründlich gelesen hatte. Inzwischen war seine Frau zu uns gekommen. Sie war freundlich, aber ein bisschen skeptisch, fand ich. Was waren wohl meine Absichten? Ein englischer Germanist? Mit den Jahren sollte sich eine wirklich gute Freundschaft entwickeln, aber die erste Begegnung mit Inge war reserviert. Mit Stefan dagegen war die erste persönliche Begegnung ein klarer Erfolg, und sie endete nicht mit dem Abspulen des Tonbandes: „Wollen wir essen?“, fragte er. „Es gibt ein gutes Restaurant im Walde, zehn Minuten von hier. Es ist rein“ – und er meinte nicht die Sauberkeit. Ich wusste jetzt, warum wir im Garten plauderten. Später sollten Stefan und Inge erfahren, wie erstaunlich viele Stasi-Wanzen es in ihrem Hause gab.

Das Restaurant – Hanffs Ruh – war klein, gemütlich, freundlich. Für ein Mittagessen kamen wir etwas spät, aber das bedeutete kein Problem. SH war hier gut bekannt. Das Bier schmeckte ausgezeichnet. Wir plauderten über allerlei, auch die politische Situation. SH war zu mir sehr offen: er hatte Angst, die Stasi könnte irgendeinen tödlichen Unfall für ihn vorbereiten, und er befürchtete, dass sein literarisches Archiv dann in den berühmten „Giftkasten“ wandern könnte. Ja, es war ein vollständiges Archiv mit Papieren aus mehr als vier Jahrzehnten. Er würde es mir später zeigen. Inzwischen kam der Besitzer zu uns mit einem Exemplar des König David Berichts in der Hand. Das gehörte einem Freunde, der ein Autogramm wünschte. SH signierte sofort, mit Widmung. Trotz meiner Einwände bezahlte SH das Ganze, und wir gingen zum Haus zurück. Ich war erstaunt, wie rüstig er war. Und immer zielbewusst. Im Hause zeigte er mir einen Teil des Archivs. Unglaublich, und ein Reichtum für einen Germanisten: Skizzen, Ideen, Vorstudien, erste Fassungen, zweite Fassungen, Verworfenes, Unveröffentlichtes. Unglaublich! Wir saßen wieder im Garten, ein Auto hielt vor der Hecke und ein paar Minuten später klingelte es an der Tür. Ein Mann mit gebrochenem Deutsch und eine junge Frau neben ihm. Er sei Russe, sagte er, hatte im Krieg in der Sowjetarmee gedient, und als er Kreuzfahrer – auf Russisch – gelesen hatte, erkannte er sich in einer der Figuren wieder – ganz am Ende des Buches. Er wolle unbedingt dem großen Autor die Hand schütteln. SH ging ins Haus, kam zurück mit dem Roman – auf Deutsch –, signierte mit Widmung, und der Mann fuhr ab, überglücklich.

Ich war auch überglücklich, aber ich wollte diese wunderbare Gastfreundschaft nicht zu lange in Anspruch nehmen. SH hatte mir den größten Teil eines Tages gewidmet. Ja, auf meinen Artikel über Selbstübersetzung würde er sich natürlich freuen, und ich wäre gern willkommen in Grünau, wenn ich weitere Fragen über sein Werk hätte. Nach England fahren? Ja, warum denn nicht? Wenn meine Universität ihn einladen könnte, dann hätte er keine Probleme mit einem Visum.

Die Reise zurück schien mir kurz. Der Tag war einer der glücklichsten und erfolgreichsten meiner Karriere. Hier hatte ich nicht nur einen berühmten Schriftsteller und erstaunlichen Übersetzer gefunden, sondern einen faszinierenden Mann und einen sympathischen Menschen. Und nach mehreren Besuchen konnte ich die beiden Heyms zu meinen Freunden zählen.

Eine Vorveröffentlichung aus dem Widmungsbuch „Ich habe mich immer eingemischt„, das demnächst beim Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen wird. Für die Erlaubnis dazu bedanken wir uns herzlich!

Der Germanist Peter Hutchinson ist Autor des Buchs „Stefan Heym – Dissident auf Lebenszeit“ und Vorstandsmitglied der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft.