Wie der Sozialismus seine jüdischen Wurzeln kappte und dann zu Boden ging

Wie der Sozialismus seine jüdischen Wurzeln kappte und dann zu Boden ging

Stefan Heym und der Antisemitismus in der DDR

Von Hermann Gellermann*

Dass der Sozialismus ein jüdisches Gewächs mit zahlreichen Verzweigungen ist, bedarf keiner Erwähnung. Durch die maßgeblichen nichtjüdischen Einflüsse wurden der jungen Pflanze allerdings schon frühzeitig antisemitisches Unkraut beigesät. Dies lassen Aufsätze Lenins von 1903 erkennen, die polemisch eine vollständige Assimilation des Judentums proklamierten, was Stalin 1913 in „die für die Juden folgenschwere Definition der ‚Nation’“ überführte. (Lustiger 1998, S.46) Heym hatte dies 1990 längst gesehen; seinen Juden „Radek“ lässt er angesichts der russischen Revolution und „Säuberungswellen“ posthum schlussfolgern: „Eines Tages wird man auch die Klügsten von uns wegwerfen wie unnützen Kehricht.“

Von diesen Entwicklungen waren System und Gesellschaft der DDR stark beeinflusst. Die Shoah galt der SED nur als ein NS-Verbrechen unter vielen. Einer offenen Aufarbeitung stand die eindimensionale Sichtweise auf den Faschismus als imperialistische Form des Kapitalismus entgegen. In der DDR wohnende Shoah-Überlebende wurden als „Opfer des Faschismus“ mit einer durchaus ansehnlichen Rente abgespeist, die noch an eine „Wohlverhaltenserwartung“ sowie an die Bedingung geknüpft war, die jüdische Herkunft zu verschweigen. (vgl. Thomas Haury 2006, Paul Stoop: Aggressive Polemik und soziale Verhätschelung…. In: Tagesspiegel v. 14.11.1995) Wenn die Stasi den erst 1975 im brandenburgischen Jamlitz freigelegten jüdischen Leichen ihr Zahngold herausbrach und der „Abteilung Finanzen“ übergab, relativiert sich damit jedoch jeder Eindruck von Freizügigkeit gegenüber Shoah-Opfern in der DDR. Ein so ideologisch verbrämter Deckmantel leistet auch den regelmäßig wiederkehrenden Schändungen jüdischer Grabmale oder dem Aufkeimen rechtsextremer Jugendbewegungen seit Mitte der 80er Jahre geradezu Vorschub, wenn er derlei als jugendliches „Rowdytum“ unter geringe Strafe stellt und verniedlicht. „Sie haben sich das faschistische Wortgeklingel zu eigen gemacht und sich uniformiert“ räsoniert Heym 1986 sachlich, „…kahlschädlig, mit Lederzeug und stahlbeschlagenen Stiefelspitzen und Schlagwaffen und gehen aus auf Terrorzüge so schlimm, wie einst die SA…, auch bei uns in der DDR…“

Die erste offen judenfeindliche Propagandawelle überschwemmt die DDR 1952/1953. Paul Merker, bis 1950 Mitglied in Politbüro und Zentralkomitee der SED, war tief betroffen vom Schicksal der Juden und hatte sich als einziges Mitglied des Politbüros und des Zentralkomitees für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates, die Rückerstattung „arisierten“ Eigentums sowie Entschädigungszahlungen ausgesprochen. Er und andere hochrangige Parteifunktionäre wurden darauf beschuldigt, jahrelang als „zionistische Agenten“ an der „Ausplünderung Deutschlands“ und der „Verschiebung von deutschem Volksvermögen“ zugunsten amerikanischer und „jüdischer Monopolkapitalisten“ gearbeitet zu haben. Um der behaupteten „zionistischen Gefahr“ zu begegnen, verfügte die SED die Überprüfung der Kaderakten von allen Parteimitgliedern jüdischer Abstammung, zahlreiche jüdische Angestellte in den Stadt- und Bezirksverwaltungen wurden entlassen. Den jüdischen Gemeinden wurden kulturelle Veranstaltungen verboten, ihre Büros durchsucht, die Gemeindevorsitzenden verhört und Listen aller Gemeindemitglieder verlangt. Über 400 Juden flohen aus der DDR. Verließ Stalin, wie Heym 1964 registriert, den Raum in Moskau und Prag auch erst zu spät, so verhinderte Stalins Tod zwar eben noch die fälligen Schauprozesse in der DDR, nicht jedoch die Erkenntnis, dass der Antisemitismus in der DDR gerade in existenziell gesicherten Kreisen sein Unwesen treibt und eben nicht an die soziale Frage gekoppelt ist.

Allerdings mag man sich fragen, wie sich Heym in einem derartigen Kontext bewegte. Er beklagt in seiner politischen Publizistik der 50er und 60er Jahre höchstens mal das Schicksal eines Ilja Ehrenburg, jüdisches Opfer der „Säuberungswelle“. Sonst hält er sein Judentum eher bedeckt. Anders als bei den Überlebenden der Shoah galt er als ein vom Faschismus verfolgter Kommunist, erhielt das Prädikat „Kämpfer gegen den Faschismus“ und damit eine deutlich höher bemessene Rente. Anders auch als jüdische Parteimitglieder darf Heym Reisen ins Ausland unternehmen. Und nach der Judenverfolgung von 1952/53 bot die DDR im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten trotz allem die sichersten Lebensbedingungen für Juden.
Enthielt sich Heym auch öffentlicher Äußerungen zu Entschädigungsforderungen für die NS-Verbrechen an die DDR, drängt es ihn spätestens 1972 mit dem „König-David-Bericht“ zum intensiven Ringkampf mit Bibel, jüdischer Tradition und der Maulkorb-Politik der DDR, welche ihn nun per Ausschluss aus dem Schriftstellerverband mundtot machen will. Das verworrene Verlagsrecht ermöglicht Heym eine zweite Runde, die „der ewige Jude“ mit „Ahasver“ einläutet. In den Figuren Prof. Dr.Dr. Siegfried Walter Beifuß, Würzner und der VP-Inspektion Mitte karikiert Heym gezielt den Antisemitismus der Staatsorgane. Beifuß spricht Ahasver seine jüdische Identität im Roman schlichtweg ab, die „VP-Inspektion Mitte“ nimmt „die Rolle des Staates Israel als Vorposten des Imperialismus“ und den „militaristischen Geist des israelitischen Volkes“ ins Fadenkreuz ihrer Ermittlungen oder äußert sich zum „typisch jüdischen Aussehen“ Ahasvers, der sie schließlich alle zum Teufel schickt. Was war geschehen?

Israel wurde von der DDR-Propaganda mittlerweile regelrecht dämonisiert, gar mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. So hat im „Neuen Deutschland“ „die israelische Wehrmacht“ im Sechs-Tage-Krieg „einen Blitzkrieg vom Zaun gebrochen“ und ein „Massenpogrom gegen die arabische Welt“ verübt. 1982 während des Libanonkriegs titelte das Staatsblatt: „Israel betreibt die Endlösung der Palästinafrage“. Die beim Thema Israel geradezu zwanghaft sich einstellende Faschismusassoziation belegt, dass auch in der DDR das deutsche Bedürfnis virulent war, die Juden als besonders grausame Täter zu präsentieren, um das eigene Kollektiv zu entlasten. Dieser Umgang mit der eigenen Vergangenheit und mit den jüdischen Wurzeln im Sozialismus versperrte der DDR auch jede kulturelle und politische Option für den Fall, dass der große Bruder sie losließ. 1990 verabschiedeten alle Fraktionen der letzten, erstmals frei gewählten Volkskammer immerhin eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich ausdrücklich zu einer Mitverantwortung der DDR für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands bekannten: „Wir bitten die Juden in aller Welt … um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande.“ Fällige Entschädigungen brauchte des sozialistischen Staat nicht mehr zu fürchten. Er war ja pleite.

Jenseits naturgesetzlich, materialistisch oder wie auch immer gänzlich unjüdisch hergeleiteter Revolutionsappelle tun sich wie schon der Gründer des Sozialismus auch seine jüdischen Erben bis heute schwer, einen Zusammenhang zwischen ihrer Weltanschauung, dem sie umgebenden Antisemitismus und ihrem Judentum herzuleiten. Man möchte ihnen mit Heym eigentlich zurufen, sich endlich den jüdischen Wurzeln des Sozialismus zuzuwenden. Dann würden sie vielleicht feststellen, dass wesentliche Bestandteile der Gesellschaftskritik Marx‘, sein teleologisches Geschichtsbild, Aufrufe zu einem Bund, seine Vorstellungen vom Kommunismus und vor allem die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit auch in der Hebräischen Bibel artikuliert sind und in diversen Traditionen des Judentums bis heute fortbestehen. Heym attestiert 1977 nicht nur einen „Stammeskommunismus“ in Israel zur Zeit der Richter. 1998 fragt er plötzlich: „Können Sie an Gott glauben und trotzdem Sozialist sein?“ Und antwortet gleich: „Ja, natürlich können Sie das.“ Eine Befreiung des Sozialismus vom Stallgeruch der DDR und des Antisemitismus knüpft sich jedoch an die Bedingung, dass auch die nichtjüdischen Sozialisten, deutsche Christen, Atheisten und Esoteriker sich erst seriös mit jüdischer Kultur und Geschichte beschäftigen, jüdische Traditionen innerhalb und außerhalb des Sozialismus nicht mehr als Stein des Anstoßes, sondern als eines ihrer Fundamente wahrnehmen. Angesichts aktueller Umfragewerte zum Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft oder auch der Erkenntnis von jahrelang politisch lancierten Morden durch rechte Terrorzellen kann das wohl noch etwas dauern.

‚ Hermann Gellermann ist Autor der 2002 erschienenen Studie Stefan Heym: Judentum und Sozialismus.