„Heute fühlen die Deutschen sich wie jener kleine Junge, der nicht zu wissen scheint, wofür er bestraft wurde.“

Hitler lebt weiter(Februar 1946)

Unter den zahlreichen Mythen, die im deutschen Volk noch lebendig sind, gibt es die Geschichte von Kaiser Friedrich Barbarossa, der im Jahre 1190, während eines Kreuzzugs, im Flusse Göksu ertrank. Es heißt in der Sage, daß er nicht wirklich ertrunken sei, sondern nach Deutschland zurückkehrte und dort, zusammen mit seinen Rittern, in einer Höhle des Berges Kyffhäuser sitzt und darauf wartet, mit Mann und Roß hervorzubrechen und die Nation zum Endsieg zu führen.

Die Suche nach Hitlers Leiche, die Debatten um seine Beziehung zu Eva Braun, die Anhörungen angeblicher Zeugen seines Todes haben zu einer großen Anzahl von Gerüchten Anlaß gegeben, die mir als der perfekte Beginn einer neuen Barbarossa-Legende erscheinen. Die Deutschen haben eine lebhafte Vorstellungskraft, die bis zum Tag des großen Zusammenbruchs von Goebbels aufs sorgfältigste genährt und gefördert wurde. Ich begann also, eine Anzahl von Deutschen zu befragen, was sie von der Möglichkeit einer Wiederauferstehung Hitlers hielten. Die meisten erklärten, sie glaubten, Hitler sei tot, und fügten, meiner amerikanischen Uniform zuliebe, hinzu: »Gott sei Dank!« Aber ihre Antworten klangen viel weniger positiv, wenn ich sie fragte, ob auch der Nationalsozialismus tot, verbrannt und begraben sei.

Legenden wie die von Kaiser Barbarossa tauchen immer dann auf, wenn die Periode, in welcher ihr Held tatsächlich lebte, in der Erinnerung des Volkes eine glückliche war. Erzeugt das Wort Hitler im Kopf des Durchschnittsdeutschen dieses Gefühl von vergangenem Glück?
Ich meine, daß das heute schon wieder der Fall ist.
Gestern noch war es nicht so, gestern, als die Erinnerung an die dauernden Bombennächte, die ewige Schlaflosigkeit, die Sorge um ihre Männer an der Front, die grausam lange und fruchtlose Arbeit: in den Rüstungsfabriken der Nazis frisch im Gedächtnis der Deutschen waren und als unsre Truppen oft nur mit Schwierigkeit vermeiden konnten, als Befreier begrüßt zu werden. Heute sind neue Beschwerden anstelle der alten getreten. Die Zeit, da die Mehrheit der Deutschen den Frieden willkommen hieß – selbst einen Friede durch Niederlage – die Zeit, da sie sagten: »Alles ist besser als die Schrecken dieses Krieges!«, die Zeit ist vorbei. Diese Veränderung in der Haltung der Bevölkerung ist im wesentlichen bestimmt durch die Tatsache, daß das, was der Friede versprach, nicht eintraf. Nicht, daß irgend jemand den Deutschen irgendwelche Versprechungen gemacht hätte – der Begriff des Friedens.als solcher hieß reichliche Zuteilung an Lebensmitteln, regelmäßige Arbeit, Wiederaufbau von Wohnungen und Werkstätten und allgemeiner Verfolg von Glückseligkeit.
Aber nur wenig der Art wurde Wirklichkeit. Die Zuteilungen sind mager, es gibt keine Kohle, um die Wohnungen, die zufällig stehenbleiben, zu beheizen, Arbeitslosigkeit macht sich bemerkbar, der Schwarzmarkt. mit seinen sozialen Ungerechtigkeiten verärgert alle außer denen, die davon profitieren, die Kriegsruinen sehen mit jedem Tag schäbiger aus, und der moralische Verfall geht überall weiter. Dazu kommen Millionen von Flüchtlingen aus den Gebieten, die von Polen und der Tschechoslowakei übernommen wurden, und von anderswoher, und geben dem Ganzen eine besondere Note von Elend. Die Probleme, die der heimkehrende Soldat gewöhnlich mit der Anpasung ans Zivilleben hat, werden dadurch noch kompliziert, daß er ja ein geschlagener Soldat ist. Andererseits wird die gewaltige Leistung der alliierten und der neuen deutschen Behörden, die darin besteht, daß das Leben überhaupt weitergeht, im großen und ganzen gar nicht bemerkt, weil irgendwo im Lande der frühere Lebensstandard auch nur annähernd erreicht worden ist.
In dieser Lage gibt der Durchschnittsdeutsche die Schuld daran nicht etwa dem Krieg und der Nazi-Führung, die ihn da hineingebracht hat – oder gar sich selbst, der ja zugelassen hat, daß er in den Holocaust gestoßen wurde. Statt dessen schiebt er die Schuld an dem Elend, das ihn umgibt, den Leuten zu, die jetzt regieren, und natürlich der Besatzungsmacht. Er entwickelt einen lebhaften Widerwillen gegen uns und die deutschen Beamten, die von uns eingesetzt wurden, und da wir behaupten, im Namen der Demokratie zu sprechen und zu handeln, beginnt er zu glauben, daß das meiste von dem, was Goebbels über die Demokratie gesagt hat und über deren Unfähigkeit, die Probleme des einzelnen und der Gemeinschaft zu lösen, durchaus wahr sein könnte.

Dieser selbe Deutsche beginnt sich nach der Zeit zurückzusehnen, die ihm vor kurzem noch so unerträglich erschien. Schließlich gab es ja lange Jahre unter Hitler, in denen der Krieg keineswegs das Leben eines jeden erschütterte und in denen, ganz im Gegenteil, Krieg und Kriegsvorbereitung hohe Löhne, Vollbeschäftigung, billige Sklavenarbeit aus Ost und West, Seidenstrümpfe und Moden aus Paris, Pelze aus Rußland und großartige Siegesfeiern bedeuteten. Und selbst nachdem der Krieg auch in der kleinsten deutschen Stadt fühlbar wurde, gab es immer noch den Trost, daß man als Angehöriger der Herrenrasse den anderen überlegen war – ein Gefühl, für das man als Deutscher schon einiges zu opfern sich bereit fand.
Heute gibt es nur das Gefühl der Erniedrigung durch die Anwesenheit ausländischer Armeen auf deutschem Boden- einer Erniedrigung, mit der man sich abfinden könnte, wenn das Leben nur sonst angenehm wäre. Aber das ist es eben nicht.
Ein recht intelligenter Deutscher fragte mich neulich, über einer Tasse echten Bohnenkaffees, den ich beisteuerte: „Müssen Sie uns denn so hart niederdrücken?“ Und als ich ja sagte und ihm die Gründe dafür darzulegen suchte, erhielt ich von ihm nur das nichtssagende Lächeln kompletter Verständnislosigkeit.

Dieser Mangel an Verständnis deutscherseits ist zum Teil unser eigener Fehler. In den wenigen kurzen Monaten direkt nach der Übergabe, als das- Hirn der Deutschen offen war und sie von uns irgendeine politische und geistige Anleitung erwarteten, versäumten wir, die Schuldfrage zur Diskussion zu stellen.
Versuche wurden unternommen. In den deutschen Zeitungen der Zeit, die damals ausschließlich von Angehörigen der amerikanischen Armee herausgegeben wurden, gab es Anfänge einer freien Diskussion von Deutschen über die Frage der Schuld, über kollektive Verantwortung und die Verantwortung des einzelnen.
Aber auf unserer Seite war das Grundsätzliche auch nicht geklärt, weder auf lange noch auf kurze Sicht, ebensowenig wie es eine Linie bei praktischen Fragen gab – ein Mangel, der zu weit divergierenden Entscheidungen seitens der örtlichen Militärgouverneure führte und der sehr bald von den Deutschen als eine Schwäche erkannt wurde.
Und dann kam eines Tages der Befehl von oben, jede Diskussion
über eine deutsche Schuld und die damit zusammenhängenden Dinge einzustellen. In dieser denkwürdigen Direktive hieß es, wir hätten unseren Auftrag auf diesem Gebiet erfüllt – in anderen Worten, die Deutschen hätten ihre Lektion gelernt.
Hatten sie aber nicht. Und in der Folgezeit hatte ihr Gewissen, das unter dem Schock des Zusammenbruchs noch formbar gewesen war, reichlich Gelegenheit, sich wieder zu verhärten. Hier liegt der Grund für das Versagen der Nürnberger Prozesse, was ihre Wirkung auf die Deutschen betrifft. Diese Prozesse hätten der Höhepunkt einer gründlich geplanten und organisierten Massen-Umerziehung sein sollen; statt dessen erscheinen sie aus dem Zusammenhang gerissen, und wenn sie für den Durchschnittsdeutschen überhaupt eine Bedeutung haben, dann nur diese: daß die Sieger es sich leisten können, an den Besiegten Rache zu nehmen. Das wußten die Deutschen aber sowieso, und sie erinnerten sich auch, daß die Nazis ihre Prozesse wirkungsvoller inszeniert hatten.

Heute fühlen die Deutschen sich wie jener kleine Junge, der nicht zu wissen scheint, wofür er bestraft wurde – oder, der es nicht wissen will.
Die Nichtanerkennung irgendeiner Schuld, einer Verantwortlichkeit seitens der Deutschen liegt aber auch an ihnen selber. Niemand liebt es, eigene Schuld zuzugeben. Und besonders die Deutschen haben einen ganzen Bau von nationalen und persönlichen Entschuldigungen errichtet. Der Pakt von München, bei anderen längst eine erledigte Sache, ist in Deutschland sehr lebendig, denn bewies er nicht- bewies nicht die ganze Strategie der westlichen Demokratien damals – daß sie ja eigentlich wünschten, Hitler möge mit seinen Plänen fortfahren, und sanktionierten sie diese nicht? Wer sind wir, sagen die Deutschen, daß wir auf einmal gescheiter sein sollen, als Chamberlain damals war?
Auch ihre persönlichen Entschuldigungen klingen für ihre Ohren sehr überzeugend. Sämtlich waren sie gezwungen worden, in die Nazi-Partei und deren Gliederungen einzutreten, keiner von ihnen wußte von irgendwelchen Brutalitäten oder billigte sie gar, jeder hatte mindestens einen jüdischen Bekannten, den er persönlich rettete. Und schließlich berufen sie sich alle darauf: „Ich war doch nur ein kleiner Mann! Was konnte ich schon tun?“
Ein kleiner Mann sein heißt: Ich treffe keine Entscheidungen, moralischer oder anderer Art. Ich erhalte Anordnungen, mir wird alles gesagt, ich bin nicht verantwortlich, war es nie, und will es auch nicht sein. Es war diese Haltung mehr als jede Bedrohung von seiten der Gestapo oder die Angst vor dem Konzentrationslager, die die Mehrheit der Deutschen veranlaßte, Hitler bis zum Tag seines Untergangs zu folgen. Ein ganzes Volk, wenn es nach Wissen und Gewissen gehandelt hätte und mit der Bereitschaft, Verantwortung auf sich zu nehmen, hätte nicht ins Konzentrationslager gesteckt oder geköpft werden können von den Nazis, die immer nur eine Minderheit waren.
Die Entschuldigung, man sei doch nur ein kleiner Mann gewesen, gilt heute noch in Deutschland. Und viel zu viele Amerikaner dort lassen sie auch gelten. Und es ist mehr daraus geworden als nur eine Entschuldigung – aus der bequemen Ausrede wurde ein Grund für die Deutschen, Forderungen zu stellen.
Denn wenn es wahr ist, daß sie als lauter kleine Männer an nichts schuld und für nichts verantwortlich sind, dann ist es die gottverfluchte Pflicht und Schuldigkeit der Amerikaner (der Engländer, der Russen), ihnen aus der mißlichen Lage herauszuhelfen, in der sie sich befinden. Und sie beschweren sich bitterlich, wenn wir das nicht tun, wenn die Zuckerzuteilung nicht rechtzeitig eintrifft und die Sperrstunde ihnen unbequem ist.
Der gleiche kleine Mann, der unter Hitler so bescheiden war, hat ein Merkmal der Demokratie sehr rasch begriffen, und nur dies eine, und es sich angeeignet: das Recht, sich laut zu beschweren. Und wenn man ihn zur Ordnung ruft, empört er sich und erklärt: „Aber wir haben doch Demokratie! Jetzt wird man doch wieder was sagen dürfen!“ Nämlich gegen die Alliierten.
Ein Professor an der Universität Marburg, ein sehr guter und zuverlässiger Mann, nahm mich beiseite und sagte mir: „Wollen Sie ein todsicheres Mittel haben, einen Nazi zu erkennen?- Jeder Deutsche, der heute ganz laut von seinen demokratischen Rechten redet, den können Sie auf der Stelle verhaften lassen.“

Die Deutschen, als Volk, denken viel mehr in politischen Kategorien als etwa die Amerikaner. In Deutschland hat das Wort Realpolitik eine klare Bedeutung, seit Bismarck es zu einer nationalen Lösung erhob.
Wenn es wahr ist, daß für sie die Hitlerzeit so etwas wie die „gute, alte Zeit“ ist, dann werden die Deutschen sich selbstverständlich bemühen, ihren alten Status und ihre frühere Macht wiederzuerhalten. Deutsche, die in dieser Richtung denken, wissen natürlich, daß sie mit offenen Aktionen und größeren Sabotage-Akten nicht sehr weit kommen werden; sie würden damit nur die Amerikaner gegen sich aufbringen, die als Schokoladen- und Zigarettenverkäufer so nützlich sind.
Weil die Deutschen Realisten.sind, gibt es keine ernstzunehmende Untergrundbewegung, so wie sie in Frankreich, in Polen, in Jugoslawien gegen die Deutschen bestand. Diese klassischen Untergrundbewegungen hatten einen großen Vorteil für sich: Im Westen wurden sie von England und den USA aus, im Osten von der Sowjetunion her unterstützt. Die drei Mächte dienten als Operations- und Propagandabasis. Für eine mögliche deutsche Untergrundbewegung gäbe es keine solche Operationsbasis. Spanien und Argentinien können höchstens Asyl für Nazis gewähren.
Dennoch existiert da, ohne eine nationale Regierung-im-Exil und wahrscheinlich ohne einen größeren Apparat, so etwas wie eine Untergrundbewegung. Sie muß existieren, denn wir stoßen immer wieder auf ihre Spuren. Sie ist nicht notwendigerweise eine Nazi-Bewegung, obwohl Nazis bestimmt in ihr aktiv sind. Sie ist, dem Charakter nach, nationalistisch und irredentistisch- wobei ganz Deutschland die Irredenta, das zu befreiende Land, darstellt.

Nachdem wir ihnen gestatteten, den ursprünglichen psychischen Schock der Niederlage zu überwinden, sind die Deutschen wieder dabei, Politik zu machen.
Sie haben eine äußerst feine Nase für die Schwächen der Amerikaner und nützen sie gnadenlos. Einem Mitglied der Besatzungsmacht gegenüber wird ein Deutscher dieser Art sich verbeugen und Kratzfüße machen und von der Kultur reden, die beiden, Deutschland und den USA, gemeinsam ist. Er wird sein Äußerstes tun bei der Erfüllung der ihm erteilten Anordnungen und dabei für sich herausschlagen, was möglich ist, und sich hinterher eins lachen.
Interessant ist festzustellen, daß die gleichen Deutschen, die so wenig Sympathie für die von Hitler verfolgten Minderheiten hatten, über Nacht ein blutendes Herz für die armen Nazis entwickeln, wenn diese endlich ihr Verwaltungspöstchen aufgeben müssen oder gar hinter Gitter kommen, bei einer Kost von 3000 Kalorien täglich. In der Tat finden entlassene Nazis sehr bald einen bequemen Posten bei den Überresten von deutscher Industrie und deutschem Handel, und es müssen ja wohl deutsche Häuser sein, in denen sich die paar höheren Nazis verbergen, die von der amerikanischen Counter Intelligence gesucht werden.
Ebenso interessant ist es, zu beobachten, wie wenig Kooperation die von der Besatzungsbehörde ernannten Verwaltungsbeamten von seiten ihrer deutschen Mitbürger erhalten, und wie sie lächerlich gemacht und sogar bedroht werden. Dieser Zustand wird sich noch verschlimmern, je weiter sich die amerikanische Umgruppierung entwickelt. Ich möchte nur ungern in den Hosen eines deutschen Anti-Nazi-Bürgermeisters stecken, sobald, wie geplant ist, die örtlichen Militärregierungsstellen aufgelöst sind, und statt auf Kreis- und Regierungsbezirksebene es eine Militärregierung nur noch auf Landesebene geben wird.
Ein weiteres Phänomen, das einen vermuten läßt, hinter der deutschen Haltung könnte Planung stecken, sind die wellenartig immer wieder auftretenden Gerüchte. Kaum ist ein Gerücht durch die Tatsachen entkräftet, beginnt schon ein neues die Runde zu machen. Die Gerüchte sind darauf angelegt, Zweifel an der Integrität, den Absichten, der Durchhaltekraft der Alliierten zu erwecken und eine verbündete Macht gegen die andere auszuspielen. Goebbels war der ursprüngliche Gerüchtemacher – er erfand eins, demzufolge die Alliierten alle deutschen Männer kastrieren würden. Nach Goebbels‘ Tod produzierte die Gerüchtemühle jedoch lustig weiter, und dieses spezielle Gerücht wurde modifiziert: Jetzt, so hieß es, würden die Amerikaner alle Eheschließungen verbieten.
Im Zusammenhang mit der Tatsache, daß Beziehungen zwischen deutschen Frauen und alliiertem Militär bei deutschen Männern Gruppen-Eifersucht erzeugen, erkennt man, daß solche Sexual-Gerüchte zu offenen Ausbrüchen führen. Mädchen werden kahlgeschoren, Droh-Inschriften und Flugzettel sind erschienen, der Boykott ist da. Von hier bis zu tätlichen Angriffen auf alliierte Soldaten ist nur ein Schritt – in Einzelfällen hat es auch das schon gegeben. Im allgemeinen sind die Gerüchte so abgefaßt, daß es schwer ist, sie zu widerlegen. In der amerikanischen Zone treten dauernd Gerüchte auf, daß die Lebensmittelrationen in der sowjetischen Zone besser seien. Zugleich wird in der russischen Zone verbreitet, bei den Amerikanern gäbe es mehr zu essen. Oft dringen solche Gerüchte auch in die Truppe selbst ein. Viel von dem Gerede von russischer Brutalität, das in vielen Gebieten der amerikanischen Zone umläuft und bis zu den Soldaten gelangt, läßt sich direkt bis hin zu deutschen Quellen verfolgen.
Die häufigsten Gerüchte handeln von einem möglichen Zwist zwischen den westlichen Verbündeten und der Sowjetunion. Jedesmal wenn amerikanische Truppen in östlicher oder nördlicher Rich­ tung verschoben werden, kann man diese Nachricht, noch heiß, von der örtlichen deutschen Bevölkerung erwarten, zusammen mit der Information, daß der Kriegsausbruch täglich zu erwarten sei, und daß Gefechte bereits in der Nähe von – und nun folgt irgendein Name, der dem deutschen Erzähler gerade einfällt – stattgefunden haben.

Unglücklicherweise erscheint es in deutschen Köpfen oft so, als würden derlei Gerüchte durch alliierten Rundfunk und alliierte Zeitungen bestätigt, welch beide von den Deutschen eifrig verfolgt werden. Ein Hoffnungsstrahl tritt ins Auge so manch eines Deutschen, wenn er von Schwierigkeiten zwischen den Verbündeten erfährt, und er ist sich sehr bewußt, daß es in gewissen Gegenden der Welt nicht gelungen ist, Nachkriegsprobleme auf vernünftige und friedliche Weise zu lösen.
Armer Tor! Er vergißt, daß, wenn es je zu einem offenen Konflikt zwischen den Alliierten käme, dieser Krieg wahrscheinlich auf deutschem Boden ausgefochten werden würde. Dennoch hofft er, daß die eine der streitenden Parteien, oder auch beide, die Deutschen aufrufen würden, Söldnertruppen zu stellen, und daß Deutschland wieder aufgerüstet und im Verlauf der Ereignisse noch einmal zu einer Großmacht werden würde, imstande, andere Völker zu unterdrücken, Rache zu nehmen, und sich am Kriege zu bereichern.

Noch ist es nicht zu spät, die Lage in Ordnung zu bringen. Noch sind nicht alle Deutschen entschlossen, die Grundsätze und die Denkweise abzulehnen, die sie akzeptieren müßten, wenn sie friedliche, vertrauenswürdige Mitglieder der großen Völkerfamilie werden wollen. Noch haben wir die moralische Unterstützung vieler Deutscher, aber ihre Zahl verringert sich.
Die Amerikaner können eine Lösung nur in Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten finden, und zwar innerhalb des Rahmens einer generellen Lösung der Nachkriegsprobleme, von denen Deutschland nur eines ist. Vor allem müßten die Amerikaner eine auf lange Sicht gedachte Politik auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet für Deutschland und die Deutschen entwickeln – eine Politik gegründet auf historische und aktuelle Fakten und auf feste, demokratische Grundsätze, nicht auf den Opportunismus oder die Launen von Leuten, die nicht die geringste Ahnung von dem Vakuum haben, das durch den Zusammenbruch des Hitler-Regimes in der Mitte Europas entstanden ist.

(Zitiert nach Wege und Umwege / Einmischung München 1998. S. 223 – 231.)