„Was für eine Stabilität würde das sein mit einem neuen Großdeutschland?“

Aschermittwoch
(Dezember 1989)

 
Die großen, die erhebenden Momente sind vorbei – auf dem Ring zu Leipzig, als die Masse plötzlich skandierte »Wir sind das Volk!«, und zu Berlin, auf dem Alexanderplatz, als die Menschen, jetzt eine Million stark, begriffen, daß sie über Nacht gelernt hatten, aufrecht zu gehen, und eine Art kollektives Aufatmen hörbar wurde, und schließlich am Übergang Invalidenstraße, als die Grenze sich auftat und die Leute, fassungslos noch, einander in die Arme fielen und erst der eine es sagte, dann der andere, und dann ein dritter und vierter „Wahnsinn“!

Danach, Aschermittwoch. Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch, edlen Blicks, einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef. Welche Gesichter, da sie, mit kannibalischer Lust, in den Grabbeltischen, von den westlichen Krämern ihnen absichtsvoll in den Weg plaziert, wühlten; und welch geduldige Demut vorher, da sie, ordentlich und folgsam, wie’s ihnen beigebracht worden war zu Hause, Schlange standen um das Almosen, das mit List und psychologischer Tücke Begrüßungsgeld geheißen war von den Strategen des kalten Krieges. Aber es ist ja verständlich. Wie lange haben sie warten müssen, die Armen, bis sie das da berühren durften, beäugen, beriechen, betasten, das bunte Zeugs, auf den Regalen zu riesigen Türmen gehäuft, und kein „Gibt’s nicht!“ und kein „Hamwa nich“, nur das höhnische Lächeln der Mädchen an der Kasse – die ganze westliche Hälfte Berlins, der ganze westliche Teil des Landes ein einziger riesiger Intershop, reich an Waren und glänzend.

Nicht sie sind schuld, diese Vergierten, an ihrer Entwürdigung; schuld sind die, die da in dem Land hinter der Mauer eine Wirtschaft führten, in welcher Mangel an Logik zu Mangel an Gütern führte und selbst der beste Wille und die beste Arbeit zu Ineffizienz und schäbiger Frucht verkamen.

 

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Doch das ist das Geringste noch der neuen Realität. Das ganze verkrustete Gefüge dieses Staates ist aufgebrochen, der Putz zerbröckelt – und es stellt sich heraus, wie wenig Solides darunterlag. Erschreckende Erkenntnis, denn, das ist die andere Seite, es wurde ja nicht nur geschludert, geheuchelt, betrogen, es haben sich Menschen ja auch gemüht, ehrlichen Herzens, und haben trotzaller Behinderungen manch Gutes zutage gefördert, das nun, zusammen mit dem Schmutz und den Torheiten dieser Jahre, auf dem geschichtlichen Kehrichthaufen zu landen droht. Eine Art Anarchie breitet sich aus, da jeder Beamte tunlichst ein neues Bäumchen sucht bei dem allgemeinen Bäumchen-wechsle-dich; zögernd, aber doch, tritt einer nach dem anderen der ehemals Mächtigen ab; nur wer ist da, der ihre Stelle einnimmt? Wo ist das Schattenkabinett, das stets im Westen bereite, wo die Reservepartei, die den Laden übernehmen und eine neue Ordnung schaffen könnte?

 

Jetzt rächt sich, daß die großen Alten jedem Talent, das nach ihnen hätte kommen können, den Kopf absäbelten; und was nützt eine Opposition, die nichts ist als ein Tohuwabohu quirlender Meinungen; und weiß denn einer, wes Süppchen an den heißesten Stellen brodelt und wer wirklich Bedeutungsvolles vertritt und wer nur Gerüchte verbreitet und Unausgegorenes und seine Eitelkeiten dem Volke zur Schau stellt?

Und wo, in des Dreiteufels Namen, bleibt die neue Konzeption, die so nötig und dringlich gebraucht wird? Weiterhin Sozialismus – ja oder nein? Und wenn ja, welcher Art Sozialismus denn? Mit wieviel Prozent Marktwirtschaft, welchen Besitzverhältnissen?

Und die Menschen, ob Genossen oder nicht, so lang auf die einzig richtige Linie getrimmt, sind unsicher geworden nach der Abschaffung des leitenden Fadens. Um so offeneren Herzens sind sie, und so wird jeder Scharlatan, west- oder östlicher Herkunft, seine Gauklersprüche ihnen eintrichtern können.

Die Menschen in dieser DDR, die neu aus der Taufe gehoben wurde vom Volk in den Oktobertagen, haben sich aufgemacht auf die Suche nach Wahrheit. Aber was ist die Wahrheit? Und welche Wirren noch, bis sie sich herauskristallisiert haben wird?

Und wieviel Zeit bleibt uns?

 

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Denn die Uhr läuft. Trotz aller Mühen, trotz Wende und Wandlung, Neuerung und Reform, Veränderung, Umkehr, Umgestaltung, wie man’s auch nennen will, der Sand, dessen Rieseln den ganzen Prozeß auslöste, rinnt weiter, selbst die Reisefreiheit, gedacht als Verlockung zum Bleiben, bewirkte wenig: Wie viele waren’s ihrer im November, die das Land auf Nimmerwiedersehen verließen zum Notquartier in den Turnhallen und Kasernen der Bundesrepublik- hunderttausend? Oder mehr noch?

Wenn das so weitergeht, läßt sich der Tag berechnen, an dem die Republik funktionsunfähig geworden sein wird:die Innenstädte kaputt, die Infrastruktur ein durchlöchertes Geflecht; keine Ärzte mehr und Krankenschwestern, keine Postboten und keine Kraftwerksarbeiter, keine Pflasterer, Tischler, Bauern, Verkäufer, Transporteure – nur noch Rentner und Verwaltungsbeamte, die nichts mehr zu verwalten haben, und ein verlorener Haufen von Geheimpolizisten und ein paar Künstler, die auf ein neues Publikum hoffen. Klingt hart? Aber so hart muß es klingen, wenn man will, daß wir uns jetzt, jetzt, jetzt zusammenraffen. So hart muß es klingen, wenn man will, daß endlich Klarheit in die Köpfe kommt über die Kardinalfrage: Wollen wir die DDR, oder wollen wir sie nicht, wollen wir sie trotz der Krise, in die sie gestoßen wurde von einer inkompetenten, phantasielosen, diktatorischen Regierung?

Manchmal scheint es, als säßen da zu Bonn oder Frankfurt oder sonstwo in der Bundesrepublik im stillen Büro einer Denkfabrik ein paar Kerle, die nach genauem Kalkül, mal lockerer, mal fester, an der Schlinge ziehen, die dem Esel um den Hals liegt, wobei sie dem Tier Finanzhilfe, Know-how, Managerial Help, Joint-venture und was noch vor die Nase halten, um das Bündel dann um so höher schnellen zu lassen: Aber erst müßt ihr dies tun und jenes ändern und das uns garantieren; bis das arme Vieh, bepackt und geplagt, in die Knie geht und es vorzieht, sich schlachten zu lassen.

 

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Was wäre dagegenzusetzen? Moral, sozialistische gar? Liebe zu einem Land, das ein Stück nur ist eines größeren und ursprünglich nichts war als eine willkürlich abgegrenzte Besatzungszone? Ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft, die sich verschwor, eine neue Welt zu errichten, eine gerechtere? Aber wie wurde Schindluder getrieben mit solchen Zukunftsvisionen von einer Partei, die sich als die führende bezeichnete!

 

Und doch, und doch: Irgend etwas, zu neun Zehnteln verschüttet, ist in den Menschen geblieben von den Träumen und Idealen, die ihnen, obzwar entstellt durch die Phraseologie des Stalinismus, einst überliefert wurden, und eine Hoffnung ist da, gegen alle Wahrscheinlichkeit, an die man sich klammern könnte. Dem ließe sich entgegenhalten: Gehofft haben wir die ganzen Jahre, bevor es die Mauer gab, und danach auch noch; jetzt wollen wir Reelles, und wir wollen es jetzt, nicht erst in ferner Zukunft. Gut, reden wir darüber.

 

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Reden wir über die Einheit. Tatsache ist, zwei kapitalistische deutsche Staaten sind nicht vonnöten. Die Raison d’etre der Deutschen Demokratischen Republik ist der Sozialismus, ganz gleich in welcher Form, ist, eine Alternative zu bieten zu dem Freibeuterstaat mit dem harmlosen Namen Bundesrepublik. Einen anderen Grund für die Existenz eines ostdeutschen Separatstaates gibt es nicht; nur als militärisches Vorfeld zu dienen den Marschällen der Sowjetunion ist Nonsens im Zeitalter atomarer Totalvernichtung, und was auch für Vorwände man für einen solchen Status erfände, sie würden sich nur allzubald als fadenscheinig erweisen.

Und wurde die Existenzkrise der Deutschen Demokratischen Republik, wenn man’s bedenkt, nicht herbeigeführt durch gerade diese Konstellation, in Reykjavik damals, im Gespräch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, als der jenem klarzumachen verstand, daß angesichts des atomaren Patts Friede zu herrschen habe zwischen den Blöcken, ja, die Blöcke selber überflüssig geworden, Europa, die Welt, ein gemeinsames Haus?

 

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Tatsache ist ferner, daß die stalinsche Wirtschaft, die hinter der Mauer so lange im Schwang war, nunmehr bankrott ist; bankrott ist der Staat, und ob er sich, dem Baron von Münchhausen ähnlich, an seinem eigenen Haarzopf aus dem Sumpf zu ziehen imstande sein wird, ist zu bezweifeln.

 

Bleibt als Retter, da die Sowjets ihre eigenen Probleme zu bewältigen haben, nur der Westen, insbesondere die Bundesrepublik, die so lange auf just diesen Moment gewartet und das Ihre dazugetan hat, ihn irgendwann endlich herbeizuführen. Doch wär’s nicht eher naheliegend, daß man dort die Arme verschränkt und lächelnd abwartet, bis der schon halbtote alle viere von sich streckt, um ihn danach auszuschlachten?

Derart Gedanken werden gedacht; aber auch andere, von anderen Leuten. War nicht die Stabilität Europas, die all die schönen demokratischen Entwicklungen im Osten – in Polen, der Sowjetunion, Ungarn, der DDR und der CSSR- erst auslöste, begründet auf der Existenz zweier deutscher Staaten? Was für eine Stabilität würde das denn wohl sein mit einem neuen Großdeutschland, dieses beherrscht von Daimler-Messerschmitt-Bölkow-Blohm und der Deutschen Bank? Und wie weit wär’s von da bis zu der Forderung nach den Grenzen Großdeutschlands von 1937, und nach noch weiter erweiterten Grenzen darüber hinaus? Und das mit der Atombombe im Köcher?

Ist die DDR vielleicht nicht nur attraktiv für die, die da von einem wirklichen Sozialismus auf deutschem Boden träumen, sondern auch für ganz nüchtern denkende Geschäftsleute und Politiker? Was bräuchte es denn wirklich an Hilfe für das angeschlagene Land? Und was für Um- und Neuordnungen bräuchte es, ohne alles nachzuäffen, was im Westen gang und gäbe, um die Wirtschaft der DDR auf Trab zu bringen und interessant zu machen für Investoren? Läßt sich eine Konföderation vorstellen zwischen zwei verschieden gearteten Wirtschaftssystemen, welch Konföderation allmählich überleiten könnte zu einer von zwei Staaten mit verschieden gearteten sozialen Systemen?

 

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Und wieviel Zeit bleibt uns? Die Regierung, die eine provisorische ist, lebt von einer Demonstration zur anderen und reagiert zumeist nur, statt eigne Gedanken zu zeigen; und die neuen Gruppen, die ihre Sprecher vorschicken zu den versammelten Massen, sie ahnen, fürchte ich, nur wenig von dem auch ihnen drohenden Schicksal. Wenn alles weiter so schleift wie bisher, wenn auf dem Gebiet, das wirklich zählt, bei Wirtschaft und Währung, sich nicht wirklich Entscheidendes ändert, wird der Tag kommen, da die Arbeiter der Versprechungen müde sein werden und die Betriebe verlassen und sagen: Mag der Nächstbeste den Krempel übernehmen.

Wer dieser Nächstbeste wäre, ist hinreichend klar. Und dann würde die DDR tatsächlich nicht nur verkauft werden, sondern verschenkt.

Die Uhr läuft.

 

 

(Zitiert nach Wege und Umwege / Einmischung  München 1998. S. 822 – 827. Zuerst veröffentlicht in Spiegel und Junge Welt.)