Egon Bahr: Keine Angst vor hasserfüllten Gesichtern

Egon Bahr: Keine Angst vor hasserfüllten Gesichtern

Im Vorfeld der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag besuchte mich Stefan Heym in meiner Wohnung in Königswinter. Er wollte besprechen, ob er sich – als Parteiloser – für ein Mandat der SED aufstellen lassen sollte. Gregor Gysi hätte ihn beruhigt, es würde ihn nicht mehr als einen Tag in der Woche kosten. Meine Erfahrungen sagten: Drei Tage wären das absolute Minimum. Ich spürte aber, dass er innerlich entschlossen war. Es reizte ihn, als Alterspräsident vor dem ganzen Parlament aus diesem Anlass darüber zu sprechen, was er für richtig, notwendig und wichtig halte. Ich fragte ihn, ob er darauf eingestellt sei, dabei auch in hasserfüllte Gesichter und Augen zu blicken. Das schreckte ihn nicht.

Er konnte sich nicht erklären, dass Honecker immer noch so viele Ausreisen zulasse, was den Druck doch nur steigere. Als ich unter anderem erwähnte, immerhin bringe das auch beträchtliche Einnahmen, unterbrach er aufgeregt: „Was? Das wusste ich nicht. Die bekommen Geld? Das erklärt alles. Für Devisen ist dem Regime nichts heilig.“ Beide Regierungen hatten das Interesse, über dieses unrühmliche Geschäft öffentlich zu schweigen.

Egon Bahr