Reinhard Zachau: Stefan Heym als öffentlicher Schriftsteller - Eine Würdigung

Reinhard Zachau: Stefan Heym als öffentlicher Schriftsteller – Eine Würdigung

Mehr als zehn Jahre nach dem Tod von Stefan Heym geht noch immer eine beispiellose Faszination von ihm aus, die sich zum großen Teil durch Heyms Charisma erklärt. Heym verstand seine schriftstellerische Tätigkeit als ständiges Gespräch mit der Öffentlichkeit, die von seinem persönlichen Leben zuerst durch die Autobiographie Nachruf erfuhr. Im Jahr des Erscheinens von Nachruf 1988 wurde das Buch nicht nur als Nachruf auf Heyms eigenes Leben sondern auch als Nachruf auf die DDR gelesen – Privates und Öffentliches schienen bei diesem Autor eine feste Verbindung eingegangen zu sein.

Mit dem Etikett von Heyms Schreiben als „öffentlicher Schriftstellers“ soll hier ein Konzept der bürgerlichen Gesellschaft wiederaufgenommen werden, das seit dem neunzehnten Jahrhundert besteht. In den USA spricht man heute von einem öffentlichen Intellektuellen oder „Public Intellecual“ als wesentlichem Faktor für die Meinungbildung in der Zivilgesellschaft. An der University of Chicago nahm Heym sich Heinrich Heine als Vorbild, dessen vehementes Eintreten für eine freiheitliche Gesellschaft ihn zu seinem eigenen fortschrittlichen Schreiben animierte, „Marschiere trommelnd immer voran, das ist die ganze Wissenschaft“ schrieb Heine und inspirierte damit nicht nur Heym sondern Generationen deutscher Schriftsteller („Doktrin“, 1844).

Die erste Anwendung für sein öffentliches Schreiben fand der fünfundzwanzigjährige Heym bei dem New Yorker Deutschen Volksecho, wo er Nazi-Umtriebe unter den „Silver Shirts” bloßstellte. Dadurch wurde er in den USA schlagartig bekannt. Noch bekannter wurde er durch das englisch verfasste Buch Hostages, deutsch „Geiseln“ oder Der Fall Glasenapp.

Das Buch enthält in den Figuren des Intellektuellen Wallerstein und des Arbeiters Janoschik Heyms erste literarische Ausarbeitung der Art des öffentlichen Schreibens wie er es sich vorstellte. Während Wallerstein die Lage der Geiseln wissenschaftlich akribisch beschreibt, findet Janoschik die Lösung für das Verschwinden eines Nazisoldaten durch logisches Denken; auch in seiner Zelle kann der weltgewandte Janoschik die Verbindung zu seiner Widerstandsgruppe aufrechterhalten. Nicht auf präzise wissenschaftliche Arbeit kommt es an, sondern auf die Wirkung des Geschriebenen auf die Gesellschaft.

Heym war schon bald in der Lage, diese Methode bei der psychologischen Kriegführung der amerikanischen Armee anzuwenden, wo er für Lautsprecherdurchsagen über die Feindlinien und Rundfunksendungen über Radio Luxemburg zuständig war; auch verfasste er Texte für Armeeflugblätter, die mit Artilleriegeschützen über die feindlichen Linien geschossen wurden. Als Verfasser dieser „Textmunition“ fand er eine perfekte Anwendung für sein Schreiben im öffentlichen Raum.

In der DDR war Heym zunächst überwältigt von den Aufgaben, die auf einen Schriftsteller warteten, der neue Fragen formulieren und nach Antworten durch die Mittel der Literatur suchen sollte. Doch auch hier verstand Heym sich niemals nur als ausführendes Organ der Parteiideologie sondern war immer überzeugt, dass er die öffentliche Meinung beeinflussen konnte, „in dem Moment, wo ich den Menschen zum Denken anrege verändere ich ihn schon“ (Zeit-Gespräch 1991).
Doch bald sah er ein, dass er eine Gegenstimme zu der verordneten Literatur des sozialistischen Realismus abgeben musste, denn der Mensch sei „nach dem Sündenfall ein innerlich sehr kompliziertes Wesen geworden, dem mit traktätchenhafter Vorbildliteratur nicht beizukommen“ sei (1953). Und so brachte er seine in den USA gewonnenen Erfahrungen auf den Punkt, dass jedes Zeitalter seinen Sprecher habe, der die Ängste und Hoffnungen der Menschen zum Ausdruck bringe. Seien das im Altertum die Propheten gewesen so übernähmen heute Schriftsteller und Naturwissenschaftler diese Funktion (1965).

Diese Auffassung wurde von der SED als Kampfansage verstanden und leitete die langen Jahre von Heyms Veröffentlichungsverbot ein, in denen er als bekannteste „Unperson“ dennoch der bekannteste Schriftsteller der DDR blieb. Seine Öffentlichkeit wusste Heym sich durch Westkontakte und seine herausragenden Rolle als prominenter Exilautor in der DDR selbst herzustellen.

Diese Haltung verstärkte sich noch, als er im November 1976 zusammen mit anderen Schriftstellern der DDR ein Protestschreiben gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung unterzeichnete und damit aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Als wichtigster Roman dieser Jahre steht Collin heraus. Heym zeigt hier, wie der Held des Romans als Schriftsteller scheitert, da er sich nicht öffentlich bekennen will und so seine Rolle verrät. Heym zeigt die Person Hans Collin als repräsentativ für das fehlende Engagement in der DDR-Gesellschaft jener Zeit.

Der öffentliche Kämpfer Stefan Heym, der durch den Vereinigungsprozess tief verunsichert und verletzt war, und mit Schrecken beobachten musste, wie der Antisemitismus nach Deutschland zurückkehrte, engagierte sich ein letztes Mal als Vertreter der PDS im Bundestag. Die Reaktionen auf seine Bundestagsrede als Alterpräsident 1994 zeigten, dass er die angestrebte Rolle des politisch engagierten Schriftstellers erreicht hatte. Nach einer Umfrage übertraf Heym in seiner Popularität noch Günter Grass, der lange als prominentester Vertreter eines westdeutschen öffentlichen Schriftstellers galt. Heym hatte sein Ziel erreicht, der DDR eine wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs der neuen Republik zu geben.

Reinhard Zachau
University of the South
Sewanee, USA