Daniela Dahn: Wahrlich, ich sage euch ...

Daniela Dahn: Wahrlich, ich sage euch …

Wahrlich, ich sage euch, das ist die Geschichte über die Behandlung von Stefan Heym:

Der Schriftsteller Stefan Heym hatte sich weit in die Opposition gewagt, bis in die PDS und mit ihr in den Bundestag. Im Dezember 1994, am Vorabend seiner Rede als Alterspräsident, brachten alle Rundfunk- und Fernsehstationen die vom Innenministerium unter Manfred Kanther verbreitete Meldung, Heym habe für die Stasi gearbeitet. Kanther hatte auch alle Fraktionsvorsitzenden alarmiert. Um 21 Uhr rief Bundestagspräsidentin Süssmuth bei Heym an und legte ihm nahe, auf seine Rede bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments zu verzichten, was er empört ablehnte. Die ganze Nacht verbrachten der 81-Jährige und seine Frau über seinen Stasi-Opfer-Akten, um herauszufinden, was gemeint sein könnte – vergeblich.

Am nächsten Morgen, unmittelbar vor der Rede, brachte ihm der damalige Direktor der Stasiunterlagen-Behörde, Geiger, die Beweise dafür, dass die Vorwürfe vollkommen haltlos sind. Vor 40 Jahren waren wegen eines anonymen Briefes zwei sich als Kriminalbeamte ausgebende Stasi-Leute bei Heym aufgetaucht und danach nie wiedergekommen. Die innenministerielle Attacke: nichts als eine schamlose Intrige. Zeit, die Abgeordneten darüber zu informieren, war nicht mehr. Wie er dann behandelt wurde, mag dank der Fernsehpräsenz deutlich in Erinnerung sein. Diese Szenen warfen Schlaglichter auf die 1994 herrschende politische Kultur des Landes: Abgeordnete, die sich beim Auftritt des Alterspräsidenten und jüdischen Schriftstellers von Weltruf nicht von ihren Plätzen erheben, die während seiner altersweisen Rede über Toleranz gelangweilt in Akten blättern, schreiben oder mit finsteren, arrogant-abweisenden Mienen dasitzen und jeglichen Beifall verweigern.

Anschließend gab Heym eine Pressekonferenz, die so eindeutig war, dass niemand jemals auf die Stasi-Vorwürfe zurückkommen konnte. Eine Kamera war nicht im Raum, es soll nicht einmal einen Tonmitschnitt geben. Auch die Presse hielt sich kleinlaut zurück. Die Klage gegen den Innenminister wegen Verleumdung wurde abgewiesen. Eine Meldung war das nicht wert.

 

Daniela Dahn